Warum Thomas Bernhards Grabplatte gestohlen scheint

"Die Murau-Identität" von Alexander Schimmelbusch

Ausgerechnet zum 25. Todestag von Thomas Bernhard am 12. Februar, so die Kulturnachrichten dieser Tage, wurde seine Grabplatte gestohlen. Der Metrolit-Verlag in Berlin aber hat zu diesem Anlass eine neue geschaffen: Einen Roman von Alexander Schimmelbusch, bereits kurz vorher veröffentlicht: „Die Murau-Identität“.

Für diejenigen, denen alles nicht schnell genug geht: „Thomas Bernhard“ ist gar nicht tot. Das Alter Ego des Romanautors, das seinen eigenen Namen trägt, rennt als Ich-Erzähler dem überlebenden Totgeglaubten über mehr als 180 Seiten hinterher, bis er ihn in der Jetztzeit, inzwischen 82jährig, wirklich trifft. „Thomas Bernhard“, nein, Franz-Josef Murau, unter diesem Namen (über)lebt die Romanfigur mit Wissen ganz weniger auf Mallorca, hat bis auf Seite 206 dann noch einmal einen großen „Auftritt“, wenn auch nur gegenüber diesem fiktiven Kulturjournalisten „Alexander Schimmelbusch“… man ist geneigt, manchmal eine Möchtegern-Identität des echten Alexander Schimmelbusch gegenüber einem so wortgewaltigen Literaten wie dem echten Thomas Bernhard zu unterstellen. Ich werde bei erneutem Lesen des Buches darüber nachdenken, in welchem Punkt er sich ihm ebenbürtig wähnt.

Nein, falsch: Der junge Verlag hat keine neue Grabplatte geschaffen, sondern eine besondere Gedenkmünze herausgebracht. Münzen haben bekanntlich zwei Seiten. Diese hier zeigt auf der einen so etwas wie ein Vexierbild mit einem krassen Kern und auf der anderen eine amüsierende Persiflage auf alles, was heutzutage zu Thomas Bernhard gehören könnte. Der gesamte Text wirkt vielfach karikierend, ist für anspruchsvolle „Bernhardiens“ aber nur ansatzweise etwas mehr als - teilweise sogar klamaukhafte - Unterhaltungslektüre, allerdings passagenweise auch Ärgernis hervorrufend. Trotzdem ein Buch, vielleicht aus Lust am Fabulieren mit leichter Hand geschrieben – dennoch lässt es mehrfach erkennen, dass der Autor sich seine Vorarbeiten dazu nicht leicht gemacht haben kann.

Doch nun erst einmal eins nach dem anderen. Man muss einiges wissen, bevor man diese Fiktion in die Hand nimmt, um auch ungeminderten Spaß daran zu haben.

Der Metrolit-Verlag

Das ist ein junges Unternehmen mit kleiner Mannschaft (sechs offensichtlich richtig verrückt engagierte Leute), die sich im Frühjahr 2013 traute, nach wenigen Monaten Anlaufzeit mit einem ersten Verlagsprogramm mit 18 neuen Titeln zu starten. Und nicht nur mit Schimmelbusch und seinem Roman war Metrolit eben erst auf der Leipziger Buchmesse vertreten. Der Verlag hat als Gründer-Eltern den Chef des Aufbau-Verlags, Matthias Koch, ferner als Teilhaber Peter Graf von Walde und Graf sowie den Radiosender „Flux FM“. Die haben nichts dagegen, dass da jemand in unterschiedlichen Bahnen gegen den Strom schwimmen will, sich beispielsweise Autoren aussucht, die irgendwie pop-trächtig-analytisch (oder zumindest so ähnlich) den modern anmutenden literarischen wie auch den daher stelzenden Kulturjournalismusbetrieb durchwühlen. Man will jedoch nicht nur contra dies und jenes produzieren, aber genau so wenig zu viel für jede und jeden anbieten. Nein, man versucht sich mittendrin im Berliner Großstadtflair mit seinen Ausstrahlungen hinaus in die Generationen unterhalb der Rentengrenzen zu etablieren. Wer mehr wissen will, macht sich am besten online schlau, da gibt es sogar die ersten drei wirklich interessanten Verlagsmagazine zu lesen. Weitere sollen alle sechs Monate erscheinen.

Der Autor Alexander Schimmelbusch

Der Österreicher, geboren 1975, wuchs in Frankfurt und New York auf, studierte in Wahington, war einige Jahre Investmentbanker bevor er journalistisch tätig wurde für Zeitungen wie Die Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Der Freitag. Er hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, wurde unter anderem bei der Frankfurter Buchmesse 2009 mit dem Publikumspreis der Independent-Verlage für sein Buch „Blut im Wasser“ ausgezeichnet. Sein Debütroman „Im Sinkflug“ hatte 2006 so etwas wie eine Hasstirade eines Investmentbankers zum Thema. Inge Kutter unterstellte bei „zeit online“ diesem Buch einige Zeit nach seinem Erscheinen einen gewissen „Voyeurismus“, danach habe der Autor „sich weiterentwickelt“.

Der Roman „Die Murau-Identität“

< Ich war gespannt auf das neue Buch. Ich lese - las - gerne einige der Texte von Thomas Bernhard. Die Sekundärliteratur über den fast lebenslang kranken Skandalautor, um den sich - sogar dank seiner eigenen Taktiken - viele Legenden haben stricken lassen, gefällt mir oft eher nicht, weil meist etwas selbstverliebt verfasst. Auch die vielen Artikel zu seinem Todestag würden mich als Bernhard-Leser wahrscheinlich nur zum geringen Teil zufrieden stellen, hätte ich mehr als die vier von ihnen gelesen, die mich in meiner Meinung ebenfalls geteilt sein lassen.
Ähnlich geht es mir mit Alexander Schimmelbuschs Roman. Er gefällt mir und er gefällt mir nicht. (Sie kennen das mit dem Gänseblümchen-Rupfen: Sie liebt mich, er liebt mich nicht usw. - So bekenne ich mich dazu, dass Thomas Bernhard niemals mein Lieblingsautor würde – somit kaum einer, der ihn zu seinem Thema macht.)

Um es vorweg zu nehmen: Das Positive an Schimmelbuschs „Bernhard“-Roman: Er verleitet mich ganz stark dazu, mal wieder dieses oder jenes Bernhard-Werk zur Hand zu nehmen. Den "Heldenplatz"? Vielleicht eher jenes mit Franz-Josef Murau als Icherzähler in Thomas Bernhards großem Prosawerk „Die Auslöschung“, dessen Erscheinen als letzten seiner Romane, obgleich früher geschrieben, er selbst denkmalgemäß inszeniert hat.

Um es zu unterstreichen: Der Roman von Schimmelbusch ist von der ersten bis zur letzten Seite pure Fiktion mit einigen Wahrheitsfäden, die das Gebilde wie in einem Spinnennetz gefangen halten, weil man sich unwillkürlich fragt „was wäre denn wenn…“ Ob Schimmelbusch das angestrebt hat, kann nur er selbst beantworten, aber ich werde ihn nicht danach fragen, weil seine Antwort derzeit arg Marketing-orientiert wäre. (Vom Gegenteil lasse ich mich vielleicht später einmal überzeugen.)

Um ein gewisses Bedauern nicht zu leugnen: Ich habe einige Zeit im Buch erst hin und her geblättert, bevor ich dann doch mit literarischem Interesse brav gesittet von A bis Z las. „Gefressen“ hab ich diesen Roman gewiss nicht. Geschmunzelt hätte ich wirklich gerne viel öfter als ich es tatsächlich tat, aber…

Um dieses Aber sehr deutlich hervorzuheben: Trotz gern gemachter Zugeständnisse an den aufstrebenden Verlag bin ich vom Lektorat (sofern eines stattgefunden hat) in diesem Fall enttäuscht. Auch unter den Lesern der von Metrolit in den Blick genommenen Generationen unterhalb der Rentengrenzen (so meine Annahme) gibt es wohl (zu) viele ohne ausreichende Englisch-Kenntnisse. Sie müssten über eine ganze Menge Zeilen auf ungezählten Seiten einfach hinweglesen, sollten sie sich für diesen Roman interessieren. Das müsste bei einer Persiflage auf den aktuellen Kulturbetrieb und den Kulturjournalismus sowie beider Umfeld berücksichtigt werden, selbst wenn der Autor mit amerikanischen Studium sich selbst (oder sein Tun) auf eine möglicherweise nicht von allen Lesern nachvollziehbare Art und Weise karikiert.

Um des Autors Bemühen ernsthaft zu loben: Er lässt Thomas Bernhards Schreibduktus auf amüsante Weise in seinen Text einfließen und händelt seine eigenen Übertreibungen gekonnt. Er führt dem Publikum – vieles von der einstigen Bernhardschen Zeitkritik neu manifestierend – vor Augen, wie aus einem Nestbeschmutzer ein Säulenheiliger werden kann, man muss dazu nur zwischen den Zeilen nachschauen. Nebenbei wird man – soweit man dazu bereit ist - im Roman manch aktuellen Bezüge entdecken, die aus Thomas Bernhards Literatencharakter entsprungen sein könnten, hätte er wirklich bis heute weitergelebt.

Und noch ein Bedauern: „Thomas Bernhard“ alias "Franz Josef Murau" hat bei Alexander Schimmelbusch eine geschiedene Frau und einen Sohn. Des echten Thomas Bernhard „Familiencharakter“ (er war nie verheiratet und lebte in etwas seltsamen Beziehungen) wird da nicht sehr gewichtet, schwach karikiert oder kaum persifliert – abgesehen von einem Anflug einer Beschreibung einer irgendwie utopisch anmutenden Beziehung zwischen Autor und seinem Agenten am Ende des Buches bzw. deren Zukunftsgedanken. Aber der Roman hat ansonsten wenig sozialkritische Bezüge, gar keinen psychoanalytischen Anspruch gegenüber dem bekannten Bild des Zynikers und will nichts bewerten von dem, was man sich selbstverständlich erarbeiten muss, wenn man Thomas Bernhard mit seiner Wirkungsgeschichte kennen lernen und verstehen will. Es ist Unterhaltungslektüre…

Und noch zu guter Letzt:

Eines darf man nicht unterstellen: Alexander Schimmelbusch wollte ganz gewiss im Gedenkjahr kein „Trittbrettfahrer“ werden beim ambivalenten Jubel und übertrie-benen Trubel allen Feierns made in Austria oder anderswo. Dafür hat er sich bei der zweiten Ebene, der für die Eine oder den Anderen unter seinen Lesern vielleicht unterhaltsameren, den fiktiven „Reiseprotokollen“ des Autorenvaters, der unschwer als Siegfried Unseld, Chef des Suhrkamp-Verlages, zu erkennen ist, zu viel Mühe gegeben, diese Person zu zeichnen und gegenüber dem Romanprotagonisten wie fast im wirklichen Leben gegenüber seinem lukrativen Autor mehr als nur gönnerhaft auftreten zu lassen, was man in biografischen Texten beider ja auch nachlesen kann. „Die Murau-Identität“ von Alexander Schimmelbusch ist für mich persönlich ein Roman, den ich unbedingt lesen musste. Ich werde ihn irgendwann noch einmal in die Hand nehmen und bestimmt viel entspannter genießen. Den Namen des Autors habe ich auf meine Beobachter-Liste geschrieben. Und nebenbei: Das Magazin des Metrolit-Verlags werde ich künftig mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis nehmen.

Alexander Schimmelbusch: Die Murau-Identität; Metrolit Berlin, 2014; ISBN 978-3-8493-0338-9; Hardcover; 206 Seiten; 18 €