Anna Kim, „Anatomie einer Nacht“

Sie beschreibt, als habe sie fotografiert, was sie beschreibt…Nur dass man sich die Bilder nicht sofort anschauen will, sondern erst einmal dazu verleitet ist, einfach hinter die verschiedenen Bildebenen zu blicken, als hätte gerade jemand den Vorhang beiseite geschoben. Dahinter möchte man die Ebenen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft so sezieren, dass man schnellstens alles beieinander im Blick behalten kann, um unbehelligt über aufkeimendes Unverständnis hinweg zu steigen.
Denn es stürzen Fragen über Fragen auf einen ein. Wie einsam wird die Nacht, wenn die Kälte nicht mehr abgelöst wird durch die Sonne am Tag? Wie tief lässt ein Mensch sich fallen, wenn er seine Augen nicht mehr verschließen kann und seine Gefühle nicht mehr dirigieren will? Wie weit führen ausweglose Pfade, wenn die festgetretenen Spuren die Richtung einfach umkehren lassen? Wie hoch sind die Berge, über die unsere Hoffnungen hinweg klettern möchten? Wie klein wird der Trost, den die Natur uns spendet, bevor sie im Eis erstickt? Wann ist ein Leben zu Ende, das nie richtig begonnen hat? Wann ist der Tod nicht einmal mehr Erlösung sondern einfach nur existent - und wann ist das alles einfach nur die andere Wahrheit, weil die Vergangenheit auf der Suche nach der Zukunft in der Gegenwart vergebens nach Halt sucht?
Das mögliche Unverständnis keimt nicht der Autorin und nicht ihrem neuesten Buch gegenüber auf, sondern lässt einen sich abgrenzen gegenüber all jenem, was man hinter den Bildebenen erkennt.
Anna Kim nennt ihren Roman „Anatomie einer Nacht“, wobei sie natürlich ein Katalog-Gemälde vom Land, an dessen Küsten sich die mannigfaltigsten Sehnsüchte in Kreuzfahrt-Träumen mehr oder weniger betucht realisieren lassen, unbarmherzig zergliedert; aber ihre Anatomie ist doch eher ein Zusammenfügen von Teil-Gebilden, eben wie in einer Zeichnung von Leonardo da Vinci, in der alles zusammen ein Ganzes darstellt, wo aber gleichzeitig jedes Teil für sich allein Beachtung finden soll.
Was für einen Leser, der das Buch zufällig in die Hand bekommt, schwierig scheint, so meine ich, ist die Tatsache, dass Anna Kim vielleicht noch nicht jedem ein Begriff sein wird. Und für einen Leser wie mich wird es dann erst richtig schwierig: Ich will mich schlau machen. Die Informationen im Internet helfen erst einmal nur bedingt weiter. Die Personalie Anna Kim ist dort nur unwesentlich umfangreicher als im Buch selbst. Man muss sich schon hineingraben, vor allem auch, um der von Suhrkampf auf dem Buchrücken provozierten Fehlinformation zu entkommen, als habe Anna Kim den Litertaurpreis der Europäischen Union 2012 für diesen Roman erhalten, was nicht der Fall ist. „Anatomie einer Nacht“ ist zwar der Autorin erster Roman im Suhrkamp-Verlag, aber doch immerhin schon ihr dritter und für den vierten trifft sie bereits ihre Vorbereitungen – ist dem Interview von Rüdiger Heins in dieser eXperimenta-Ausgabe nachzulesen.
Anna Kim, 1977 in Südkorea geboren, kam mit zwei Jahren nach Deutschland. Seit 1984 lebt sie in Wien. Dort studierte sie Philosophie und Theaterwissenschaft. Den EU-Literaturpreis bekam sie für ihren zweiten Roman „Die gefrorene Zeit“ (2008), eine Geschichte von einem Mann aus dem Kosovo, der nach den Kriegswirren dort seine vermisste Frau sucht. Ebenso wie dieser Roman erschien ihr Essay „Invasion des Privaten“ im Literaturverlag Droschl. Darin hat sie sich 2011 schon mit den Menschen auf Grönland und der soziopolitischen Situation auf der größten Insel der Welt auseinander gesetzt. Ihr erster Roman war „Die Bilderspur“ betitelt. Schon darin – wie inzwischen in sehr vielen literarischen Beiträgen in unterschiedlichen Medien - kam bereits 2004 die Sprachgewalt, besser gesagt Sprachartistik Anna Kims zum Ausdruck. Sie hat sie sich hart erarbeiten müssen, ist in verschiedenen Zeugnissen zu erfahren; „beeinflusst von den Sprachexperimenten der Wiener Gruppe“ (Artmann und andere) kann man da lesen. Von der frühen Nähe zu denen nimmt sie nun wieder Abstand. Als Rezensent ist man versucht, das mit Zitaten zu belegen. Der Leser soll die herrlichen Sprachbilder aber lieber selbst entdecken. Die Tochter eines Malers malt äußerst gekonnt mit Worten.
Der Roman „Anatomie einer Nacht“ spielt vorwiegend in Amaraq, einem absolut fiktiven Ort in Ostgrönland. Die Geschichte spult sich im wesentlichen zwischen 22 und 3 Uhr ab, allerdings auch rückblickend auf verschiedene Zeitebenen. So dass der Leser zuerst einmal stutzt, als ihm die im Werk erstgenannte Figur im Gegenüber von zwei Frauen begegnet, in der Gegenwart und in der Vergangenheit - sowie auch im parallelen Ende einer schockierenden Beziehung zu dritt. Wie schon bemerkt: Anna Kim versenkt völlig unbarmherzig Kreuzfahrt-Kulissen im eiskalten Dunkel einer einzigen Nacht. Dennoch weckt sie im Leser ein sehr von Empathie getragenes Interesse am Schicksal der Menschen, deren Wege sie miteinander zu einem emotional gefärbten Teppich von auseinander laufenden Gefühlen verwebt. Das Geschehen in „Anatomie einer Nacht“ hat dokumentarische Wurzeln obgleich der Roman nichts dokumentieren will. Anna Kim möchte vielleicht eher wachrütteln. Das Land Grönland, noch nicht unabhängig von Dänemark, ist Teil der Europäischen Union obgleich die Grönländer das ja nicht wollten. Die ursprüngliche Geschichte seiner Menschen versinkt im Kolonialismus, die Zukunft wird wegen der „vielversprechenden“ Ölvorkommen möglicherweise irgendwie darin stecken bleiben. In Ostgrönland wird man davon nur soviel merken, dass die Armut und Ausweglosigkeit dort sich womöglich noch steigert: Alkoholismus, Gewalttaten und vor allem Vergewaltigungen, zu viele Selbstmorde füllen die Statistiken.
2008 berichtete die internationale Presse von elf Selbsttötungen in einer einzigen Augustnacht. Anna Kim ging ihnen schon bei ihren Recherchen zu ihrem Essay nach und seziert nun die Umstände in ihrem Roman auf ihre eigene Weise. Sie lässt vielfach aufmerken, beispielsweise stolpert man gleich zu Beginn auf eine schon auf den ersten Blick verständliche Metapher, bei der sie Bier- und Cola-Dosen als „Bomben aus Aluminium“ bezeichnet. Sie schreibt an anderer Stelle, dass Liebe sowohl Zeitvertreib als auch Verhängnis sei, und damit beschreibt sie keineswegs eine klischee-bewährte Attitüde. Bemerkenswert sind ihre bildhaften Beschreibungen der verlockenden wie der erdrückenden Natur. Nachdenklich machen die verstrickenden Beziehungsnöte wenn einer der Partner grönländischer und der andere dänischer wird. Auch, wenn man als Leser gezwungen wird, darüber zu entscheiden, ob man ein Schuldeingeständnis einfach hinnehmen kann.
Anna Kims Roman ist keine Unterhaltungslektüre, die man auf einer Reise von A nach B oder vor dem Schlafengehen konsumieren kann. Es ist aber ein Buch, das man – auch wenn man es, nachdem man es angefangen hat zu lesen, vielleicht mehrfach beiseite legt, bevor man ans Ende gelangt – mindestens ein zweites Mal lesen möchte. Es ist ein literarisches Werk einer Autorin, die innerhalb kurzer Zeit schon einige Preise bekam und die sich einem gewiss besonders stark einprägt, wozu auch die Videoclips (Interview oder Lesung) im Netz beitragen.
Zum Schluss erlaube ich mir eine Zusammenfassung mit einem Zitat aus dem Dröschl-Verlag zum früheren zweiten Roman Anna Kims, das genauso auch hier zutrifft: "die sprachliche Abbildbarkeit eines unverständlichen Schreckens, die Frage nach den richtigen Wörtern und Sätzen für das ›ganz Andere‹."

Anna Kim, „Anatomie einer Nacht“; Suhrkamp-Verlag Berlin, 2012, ISBN 300 Seiten; 9,99 €