Wie sich das Leben über eine Krankheit lustig machen möchte - und wie eine Romandebütantin ihre Leser nachdenklich werden lässt

Von welcher Krankheit die Rede ist? Da wird jeder Leser des Buches am Ende der Geschichte für sich eine eigene Erklärung finden (müssen). Es geht ja nicht um Erkrankungen. Es ist auch nicht die Rede von Kranksein. Nicht von dem, was man im üblichen Sinne darunter verstehen würde. Aber es ist ein Aufschrei, ein Zur -Kenntnis-Geben von Nicht-Einverstanden-Sein. Zwischen die Zeilen sind Schmerzen gestreut, die glücklicherweise einen Rest von alltäglicher Zufriedenheit nicht erdrücken können. Die am Ende auch versiegen, weil die Gefühle, die Frau und Mann aneinander binden, diese Not, die aufschreien lässt, besiegen.

Ich schreibe hier über einen Roman, der erst langsam Tiefgang erkennen und bei manchem seiner Leser am Ende vielleicht wieder vermissen lässt. Mir hat der Debüt-Roman von Simone Lappert anfangs nicht zusagen wollen, dann hab ich mich in Wurfschatten „hineingefressen“, um das Buch anschließend für mehrere Tage aus der Hand zu legen. Es ist keines der Bücher, mit denen man einschlafen möchte; es handelt sich eher um eine Geschichte, die uns Leser aufrütteln will. Die Bereitschaft dazu kann aber niemand verordnen. Sie ergibt sich aus einer gewissen Sensibilität bei der eigenen Verortung im sozialen Gefüge, die eine Gemeinschaft prägt. Man könnte pauschal feststellen, dass die Krankheit wohl Angst heißt. Doch ganz gleich, wie man dann diese Angst definieren würde, das wäre in jedem Fall viel zu kurz gegriffen. Die verwendete Metapher, ein Stethoskop, sagt nicht nur sehr viel aus über die Ängste der Protagonistin. Man darf vermuten, dass auch die Autorin damit ihre Leser abhören möchte.

Leider gibt das Internet nicht viel Persönliches her, wenn man sich auf diesem Weg über Simone Lappert informieren will. Man hört sie in einem Video einige Sätze lesen. Ihre Vita wird selbst vom Verlag spärlich wiedergegeben. Mit Blaumachtage bekam sie gerade den österreichischen Wartholz-Preis als beste Newcomerin. Interviews zum Buch hab ich hierzulande noch nicht gefunden. Ende Juli las Lappert beim Literarischen Colloquium in Berlin, Ende August im Literaturhaus in Köln. Am 27. November kann man sie erleben beim Debütantensalon der Erfurter Herbstlese. Auf der Homepage des Metrolitverlags steht nicht mehr als der Klappentext verrät. 1985 in Aarau geboren, lebt die Schweizerin in Basel. Sie hat Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert. 2013 wurde sie ausgezeichnet mit dem Heinz-Weder-Preis für Lyrik. Simone Lappert war auch Stipendiation des 16. Klagenfurter Literaturkurses. Ihren Lebensunterhalt verdient sie auch mit Buchrezensionen, hab ich nachgelesen.

Ich möchte der Autorin wünschen, dass sie diese Lust am Schreiben, am Spiel mit Worten, am Fabulieren über solche Gedanken, wie sie uns alle immer wieder einmal bedrängen, diesen feinsinnig orientierten Blick auf den Witz, den der Alltag für uns bereit hält, sich in dieser jugendlichen Frische erhalten kann. Dieses Buch, das am Ende den einen oder die andere sehr nachdenklich gemacht haben wird, trägt man nicht zum Flohmarkt, sondern nimmt es bestimmt ein zweites Mal in die Hand mit dieser allzeit sich aufdrängenden Frage „Wie war das gerade noch mal?“ Dabei mag es nicht um die konkrete Schilderung in der Geschichte, sondern um die eigenen damit verbundenen Assoziationen gehen. Und ist es nur die verweichlichte Jugend, die da beschrieben wird?

Ada, eine Möchte-gern-groß-sein-Schauspielerin, die sich des alltäglichen Brotes wegen beim Krimi-Dinner verdingt, des fehlenden Geldes wegen vom Vermieter sich dessen Enkel in die Wohnung setzen lassen muss, sich diesem ausgeliefert fühlt, weil er ihre geheimen Schwächen vor ihr selbst aufdeckt aber nicht vor anderen bloß legt, mit dem sie des Öfteren die Bettdecke teilt „ohne dass da etwas passiert ist“ – ja bis eben irgendwann doch das passiert, was Frau und Mann einander in den Arm nehmen lässt. Dieses Miteinander kann einen vor dem Zerbrechen bewahren. Aber wie oft ist das Zerbrechen des einen oder des anderen das Ende der Zweisamkeit und auch das Auseinanderfallen von Gruppen, die mehr als nur gemeinsame Interessen verfolgen, weil die Interessen zu wichtig werden.

Wurfschatten endet zwar als Liebesgeschichte, die man bei einer Reise ohne weiteres toleriert, doch der Roman, dessen Plot einen anfangs nur schwer erfasst, dann aber nicht loslässt, ist eine subtil aufgebaute Zeitkritik aus den Reihen einer nach Hoffnungen suchenden Jugend, die ihre Krankheit erspürt und sich schwer tut, sie anderen zu beschreiben, damit diese sie überwinden helfen. Simone Lappert überwindet die Hoffnungslosigkeit mit situativ und mosaikförmig, manchmal wohl ganz bewusst verzeichnetem Humor, dem alle Bangigkeiten unterlegen sind. Der Roman lässt Pessimisten, die einen Spiegel nicht erkennen, auf der Strecke. Er kann für Optimisten ein Amüsement sein. Für mich ist es ein Buch, das man gerne verschenken darf, wenn man sich genau überlegt, wem man es schenkt. Hätte ich es geschenkt bekommen, hätte das mich noch nachdenklicher gemacht als ich es ohnehin bin. Trotz allem, nein, gerade deswegen: Wurfschatten hat mir sehr gut gefallen

Simone Lappert, Wurfschatten, Metrolit Verlag Berlin, 2014, ISBN 978-3-8493-0095-1, Hardcover, 205 Seiten, 20 €