Miterleben, was sich in der Nacht „Vor dem Fest“ in einem Dorf ereignet

„Ich freue mich einfach wahnsinnig, dass dieses Buch jetzt da ist“, das hat Sasa Stanisic selbst in einem Interview für die „Zeit Online“ gesagt. Dem will ich mich - wie wohl viele andere auch - uneingeschränkt anschließen. Es ist ein Buch, das sich nicht nur die Medienwelt erobert. Es ist ein Roman, der zu diesem Menschen passt, der ihn geschrieben hat. Und das ist ein Mensch, der verdient hat, was er bekam mit diesem außergewöhnlichen Werk: den Preis der Leipziger Buchmesse im vergangenen Frühjahr. Auf einer Buchmesse stehen immer mehr Bücher im Regal. Ich teile die Ansicht von Rundfunk- und Fernseh-Literaturkritiker Denis Scheck, dass davon viele des Lesens nicht wert sind. Ich meine auch, dass man nicht jedes Buch, für das irgendwo ein Preis verliehen wird, lesen muss. Doch würde ich es arg bedauern, hätte ich mich nicht für Sasa Stanisics Roman entschieden. Und das zunächst mal einfach nur aus Neugier, weil der Autor mich wegen seiner früheren Medienauftritte interessierte. Und er wird mich künftig immer wieder interessieren, weil ich gespannt bin auf all das, was er noch schreiben will an Geschichten, die er bei diesem Roman nicht verwertete. Hoffentlich realisiert Sasa Stanisic mit den verbliebenen 400 Notiz-Seiten aus der Uckermark, was er dazu in Interviews angekündigt hat.

Der Literaturmarkt ist von Stänkereien gesättigt. Da wetzen nicht nur Neidhammel ihre wortscharfen Messer. Und manche Autoren, denen man Besseres gönnen möchte, bleiben deshalb zu früh auf der Strecke liegen. Da freut man sich, dass es noch echte Literaturschaffende mit Erfolg gibt. Man freut sich um so mehr, wenn einer sogar mit einem Anspruch daher kommt, welcher in den vergangenen Jahren in den Buchmesse-Statistiken unterzugehen drohte. Er entwindet sich - ohne große mit Wortblasen geschwängerte Statements vor Kameras und Mikrofonen - dem von wem auch immer zugeschnittenen Schubladen-Denken der nur noch merkantil handelnden Titel-Macher. Er denkt sich im Kopf ein Dorf aus, in dem er seine erfundenen Geschichten platzieren kann. Erzählt seiner Bekannten davon und erfährt von ihr, dass es sein Dorf in der Wirklichkeit gibt. Er fährt hin, schaut sich um, hört zu, lässt sich berichten und erdichtet, was man ihm nicht gesagt hat. Sasa Stanisic hat mit Vor dem Fest uns einen Roman in die Hand gegeben, der uns in einen Ort in der Uckermark führt, von dem man außerhalb der Region ohne ihn vielleicht niemals etwas erführe. Aber viele von uns kennen dennoch ein solches Dorf aus eigenem Erleben der unmittelbaren Umgebung. Bestimmt würden die Wenigsten unter uns mit einem solchen Wortwitz von dem erzählen, was sie erleben oder erlebt haben. Stanisic bekleidet seine Figuren mit Sprachspielereien in wohltuenden Klangfarben, die gelegentlich sehr wortgewaltig rauschen oder brausen, meistens aber eher leise tönen.

Der Autor

Sasa Stanisic, 1978 in Bosnien geboren, kam 1992 mit seinen Eltern, die heute in Amerika leben, nach Deutschland. In Heidelberg hat ein Deutschlehrer ihn besonders gefördert, so dass er nach dem Abitur Deutsch als Fremdsprache studieren konnte. Für seine Magisterarbeit wurde er 2004 mit einem Preis bedacht. Anschließend studierte er am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Ein Jahr darauf war er mit seiner Erzählung Was wir im Keller spielen ... im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis vertreten. Es wird in dem Text an den Krieg in Ex-Jugoslawien erinnert, aus der Sicht eines Kindes. Er erhielt damit den Kelag-Publikumspreis.

Stanisic kam 2006 mit dem Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert auf den Buchmarkt. In der Geschichte porträtiert er einen jungen Bosnier aus Visegrad (seiner eigenen Vaterstadt), der mit den Eltern nach Deutschland kommt und sich hier in eine Welt aus Erinnerungen flüchtet. Dieser Roman ist inzwischen in 30 Sprachen übersetzt worden. Er erhielt dafür den Förderpreis zum Literaturpreis der Stadt Bremen. 2008 wurde Stanisic mit dem Adalbert-von-Chamisso-Preis und dem Förderpreis zum Heimito von Doderer-Literaturpreis ausgezeichnet. Dann war er der Stadtschreiber von Graz. Das dortige Schauspielhaus brachte seinen Erstlingsroman auf die Bühne. 2008 führte man sein erstes Theaterstück, Go West, auf. Stanisic erhielt 2013 das vierte „Feuergriffel“-Stadtschreiber-Stipendium für Kinder- und Jugendliteratur der Stadt Mannheim. Im gleichen Jahr bekam er mit dem Romanmanuskript Anna den Alfred-Döblin-Preis, für Frau Kranz malt ein Bild von Hier wurde ihm der Hohenemser Literaturpreis zugesprochen.

2014 wurde Stanisic mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Belletristik für seinen zweiten Roman Vor dem Fest geehrt. Wenn er in Interviews, die danach folgten, lobende Worte über seine Gewandheit im Deutschen zu hören bekam, sagte er oft „Wir Ausländer sind ganz große Sprachwortspieler“. Genau das ist es, was Vor dem Fest so besonders erscheinen lässt.

Der Roman

In einem Dorf bereitet man sich auf das traditionelle Annenfest vor. Um das fiktive Fürstenfelde beschreiben zu können, hat Stanisic sich im realen Fürstenwerder umgeschaut und sich viel erzählen lassen. Vieles, was einem im Roman begegnet, soll es dort tatsächlich geben. Genau so oder auch ganz anders. Das Buch liest sich an und für sich leicht, man ist mehrfach amüsiert (sag ich vielleicht nur, weil ich selbst aus so einem Dorf stamme), aber man muss sich schon auf die Geschichte und die dort beschriebenen Figuren irgendwie einlassen können. Wer Großstadtgeschichten gewöhnt ist, schließt sich möglicherweise zu vorschnell jenen an, die Stanisic eben wegen dieses Dorfbildes kritisieren. Ich schließe mich vorbehaltlos jenen an, die sagen, dass genau dieses Buch in der deutschen Gegenwartsliteratur gefehlt hat. Erfrischend ist der Erzählstil des Autors, der damit mehr beweist als viele andere können, dankenswerterweise mal kein Ich-Erzähler sondern ein mitfühlen lassendes „Wir“.

Farbig sind die Bilder, die man vor Augen bekommt. Klangvoll die Sprache, obwohl nicht Muttersprache, die empfindsam beschreibt, was jemand zu fühlen bekommt, der im Dorf nicht groß wurde, aber dort aushalten muss. Amüsement bereitet, wie die Figuren entwickelt werden, die den Beobachter in eine solche Gemeinschaft wie die vom fiktiven Fürstenfelde führen – mir zumindest und bestimmt vielen anderen auch. Wenn man beim Lesen, das allerdings Zeit erfordert, verinnerlichen konnte, was einem mit Leuten wie der Verwalterin des Hauses der Heimat, der seltsamen Dorfmalerin, einem ehemaligem NVA-Offizier (den ein Mädchen vor der eigenen Kugel rettet), den Säufern in der Ersatzkneipe (die voreinander wenig verbergen), dem Hühnerzüchter und dem schlauen, aber verwundeten Fuchs, der seine Eier stiehlt, alles vermittelt wird, dann ist man hernach geneigt, das Buch nicht an andere herzugeben, sondern sich für ein weiteres Mal Lesen aufzuheben. Und man will tatsächlich wissen, was Stanisic mit den anderen noch nicht veröffentlichten 400 Seiten Ortsnotizen aus dem realen Fürstenwerder machen wird. Diesen Autor, der ausländische Wurzeln hat und des Deutschen mächtig ist wie nicht viele Deutsche, sollte man unbedingt im Auge behalten. Wenn es möglich ist, unbedingt eine Lesung besuchen, um ihn live zu erleben. Dieses Vergnügen ist etwas Unvergessliches. Wer nicht anders kann, sollte wenigstens im Internet mit etwas Ausdauer recherchieren.

Sasa Stanisic, Vor dem Fest, Luchterhand München 2014, ISBN 978-3-630-87243-8, Hardcover, 316 S., 19,99 €