Den Medienrummel außer Acht lassend: Sibylle Lewitscharoffs „Killmousky“ lässt Fortsetzungen erhoffen

Schade! Das Buch steht auf der Aufmerksamkeitsleiter des deutschen Literaturbetriebs leider nicht auf der Stufe, die die Autorin sich damit verdient hat. Bevor ich meine Rezension zum neuesten Buch von Sibylle Lewitscharoff beginne, bemächtige ich mich der Begründung, mit der die zuständige Jury ihr den Georg-Büchner-Preis 2013 zugestanden hat: „In ihren Romanen hat Sibylle Lewitscharoff mit unerschöpflicher Beobachtungsenergie, erzählerischer Phantasie und sprachlicher Erfindungskraft die Grenzen dessen, was wir für unsere alltägliche Wirklichkeit halten, neu erkundet und in Frage gestellt. Ihre Texte vertiefen und erweitern die genaue Wahrnehmung der deutschen Gegenwart in Bereiche des Satirischen, Legendenhaften und Phantastischen. Philosophische und religiöse Grundfragen der Existenz entfaltet die Schriftstellerin in einer subtilen Auseinandersetzung mit großen literarischen Traditionen und mit erfrischend unfeierlichem Spielwitz. Nie ist das „Gespräch mit den Toten“, das sie in ihren Poetikvorlesungen als ein Ziel ihres Schreibens benennt, so lebendig und lebenszugewandt geführt worden wie in ihren kunstvollen und unterhaltsamen Geschichten.“

Nun, nicht jeder dieser Akzente wiederholt sich in dem neuesten Roman, den der Suhrkamp Verlag im April in die Buchhandlungen brachte. In der Literaturkritik der vergangenen Wochen gab es sowohl begeisterte Zustimmung als auch ablehnende Häme, die sich in assoziativ konstruierten Überschriften dokumentierte, obgleich außer einem bekannten Magazin niemand sonst sich in absolut vernichtender Kritik zu verstricken wagte.

Die marodierenden Medien

Dass Sibylle Lewitscharoff seit geraumer Zeit schon in allen M edien mehr oder weniger massiv präsent ist, scheint leider weniger der Auszeichnung durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung geschuldet, sondern wahrscheinlich ausschließlich der sogenannten Dresdner Rede im März. Und selbst wenn die- oder derjenige, die in diesen Tagen irgendetwas über Lewitscharoff schreiben, es nicht einmal explizit ausbreiten wollen, scheint es, als könne man als Leser den Retortenkindern überhaupt nicht entkommen. Fast jeder, so mutet es einen an, wird auf die eine oder andere Weise zum Trittbrettfahrer, ohne dass er oder sie das ausdrücklich anstrebte. Denn jeder, der sich die Mühe macht, die Rede, die im Internet abrufbar ist, von der ersten bis zur letzten Minute anzuhören, dann ein klein wenig tolerant ist gegenüber der Frau, die nach Meinung vieler da entgleiste und deshalb von zu wenig kritischer Arroganz erschlagen wird (selbst ein Theologieprofessor weigerte sich, hernach eine Veranstaltung zu moderieren, bei der sie sich zu den zehn Geboten äußerte), derweil sie sich inzwischen nach meinem Geschmack zu bußfertig zeigt, weil sie für mich nichts wirklich Böses gesagt hat, wird, so will ich annehmen, bald zu einem „normalen“ Verhältnis zu Sibylle Lewitscharoff zurückkehren.

Die Autorin und ihr Werk hätten es verdient, diese Dresdener Rede wäre nach einigen Tagen abgehakt gewesen. So aber muss man Monate später leider betonen, dass womöglich die wenigsten Kritiker wirklich verstanden haben, was die Büchner-Preisträgerin mit ihren pointiert vorgetragenen Ansichten der Gesellschaft allgemein vermitteln wollte. Ihren Ansichten muss man ja nicht zustimmen, aber auf den Scheiterhaufen der Medienwelten sollte man sie nicht verbrennen wollen –schon viele Literaten haben an irgendeiner Stelle einmal einfach nur in die falsche Wörterkiste gegriffen, was längst in den Archiven verstaubt. Schade, dass diese marodierende Medienallmacht eine Frau vom Kaliber Lewitscharoff zu zwingen vermag, sich zu entschuldigen für das, was sie mit ehrlichem Herzen gesagt hat, weil sie den Finger in eine Wunde legen wollte, bevor diese zu eitern beginnt.

Die Autorin

1954 in Stuttgart geboren, studierte Sibylle Lewitscharoff Religionswissenschaften in Berlin, wo sie heute lebt. 1994 veröffentlichte sie ihr erstes Buch 36 Gerechte. 1998 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Roman Pong, womit sie der literarischen Öffentlichkeit bekannt wurde. Danach folgten die Romane Der höfliche Harald (1999), Montgomery (2003), Consummatus (2006), Apostoloff (2009) und Blumenberg  (2011). Im Band Vom Guten, Wahren und Schönen sind die 2011 in Frankfurt und in Zürich gehaltenen Poetikvorlesungen gesammelt. Neben dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Preis der Leipziger Buchmesse für ihren Roman Apostoloff (2009), dem Berliner Literaturpreis (2010), dem Kleist-Preis (2011), dem Ricarda-Huch-Preis (2011) sowie dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für den Roman Blumenberg (2011) bekam sie 2013 den Georg-Büchner-Preis, die höchste literarische Auszeichnung in Deutschland. Die Schriftstellerin war Stipendiatin der Villa Massimo in Rom. Im Sommersemester 2013 übernahm sie die Brüder-Grimm-Professur in Kassel.

Lewitscharoff, die auch eine außergewöhnliche Graphikerin, Zeichnerin und Scherenschneiderin ist, gestaltete 2009 im Deutschen Literaturarchiv Marbach mit eigenen Papiertheater-Arbeiten die Ausstellung Der Dichter als Kind. Sibylle Lewitscharoff ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Akademie der Künste in Berlin.

Killmousky, ein Lesevergnügen

Da kommt doch so ein Kater aus einer beliebten Krimiserie dahergeschlichen, um einen Mann sofort so sympathisch erscheinen zu lassen, dass man vor allem auf den letzten der mehr als 220 Seiten des Romans den Wunsch verspürt, Lewitscharoffs literarischer Retorte möchten weitere Folgen dieser Geschichte (oder mindestens eine Fortsetzung) mit diesem Richard Ellwanger entwachsen. Um nicht zuviel zu verraten, will ich lediglich vermerken, dass der Schluss mich tatsächlich so überraschte, wie man es bei einem spannenden Handlungsstrang erwartet. Ansonsten ist dieser Plot über viele Seiten nicht so vordergründig abgespult, wie das bei üblichen Kriminalromanen der Fall ist. (Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird die Handlung als fade bezeichnet – ich mag dies keineswegs unterstreichen.) Vielleicht muss eine Büchner-Preisträgerin und ein Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung sich die Wortklaubereien in der FAZ gefallen lassen, der Leser des Buches urteilt ganz bestimmt nicht nach diesen Kriterien.

Für die Autorin war dieser Roman „eine andere Art von Schreibprogramm“, wird sie in der Saarbrücker Zeitung aus einem Seminar der Germanisten an der Saarland-Universität zitiert. Dem möchte ich gerne zustimmen. Ich war neugierig auf den ersten Seiten, langweilte mich zwischendrin nicht so, dass ich gerne ohne Zeile für Zeile lesen zu müssen, weitergeblättert hätte. Ist denn unser Alltagsleben nicht auch so? Um genau diesen Alltag von Menschen unterschiedlicher Herkunft mit unterschiedlichen Absichten geht es bei Ermittlungen in einem Todesfall, den ein deutscher Kriminalkommissar, zu Hause unrühmlich, jedoch auf eigenen Wunsch, aus dem Dienst geschieden, durch die Vermittlung seiner dort lebenden Hauseigentümerin in New York - trotz seiner bescheidenen Englischkenntnisse - zu klären versucht. Dass die Täterspuren ausgerechnet in seinen eigenen Heimatort führen, bewirkt trotz der bayrisch koloriert beschriebenen Provinzialität einen vorübergehenden Reiz im Geschehen, ist aber völlig nebensächlich bei dem eigentlichen Handeln eines männlich agierenden und denkenden Menschen, der neben weiblichen Upperclass-Allüren bestehen muss, will er seine Hauseigentümerin, die ihm lediglich einen Gefallen tun wollte, nicht enttäuschen. Die Figuren des Romans werden allesamt erstaunlich blass gezeichnet, die Neugier, die gerade dadurch geweckt wird, wahrscheinlich nicht nur bei mir, ist das Besondere, das diesen ersten Kriminalroman von Sibylle Lewitscharoff meiner Meinung nach doch lesenwert macht. Dass Vater und Schwester einer Ermordeten deren Ehemann bezichtigen, hat in der Geschichte eine fast geringe Bedeutung. Dass der am Rande seiner Midlife-Crisis agierende Kriminalbeamte sich einerseits lieber wieder verdrücken möchte, andererseits aber die Herausforderung doch meistern will, sich den Gefahren auf dem Parkett, auf dem er nicht zu Hause ist, ohne Kenntnis der Gepflogenheiten dennoch mit naivem Mut stellt und letztlich mit einer niemals voraus zu ahnenden Konsequenz ausliefert, das ist das Salz, das Lewitscharoff auf diesen Braten gestreut hat, den sie vielleicht etwas zu medium statt sanglant auf den Teller der Leser legt.

Ich persönlich hoffe wirklich auf eine Fortsetzung. In der sollte der zugelaufene Kater Killmousky dann eine bedeutendere Nebenrolle bekommen. Das mit dem großzügigen Honorar des Ermittlers von ihm mit schlechtem Gewissen bezahlte Edelfutter für das allein gelassene Tier reichte mir diesmal nicht aus. Die Katze und der Ermittler und noch irgendetwas könnten noch einmal ein Buch ergeben, das ich trotz der konservativen Denkweisen, die der Autorin nachgewiesen sind, keineswegs in eine Ecke abschieben möchte, die der „Spiegel“ für Killmousky auserkoren hat, das hat die Lewitscharoff wirklich nicht verdient.

Sibylle Lewitscharoff, Killmousky, Suhrkamp 2014, ISBN 978-3-518-42390-5, gebundene Ausgabe, 224 Seiten, 19,95 €