Bunte zerbrechliche Baumkugeln aus der Kiste gehoben

Eine Familiengeschichte - eine Autorin als Protagonistin - eine Vergangenheit, die von der Wirklichkeit (noch nicht?) überholt wurde

Sie wird es nicht geahnt haben. Ich nehme auch nicht an, dass sie es sich wünschte, so sehr gefragt zu sein, wie das seit einiger Zeit der Fall ist. Katja Petrowskaja wird sich auch kaum erträumt haben, so bescheiden und überrascht, wie sie sich nach ihrem Erfolg, im vergangenen Sommer in Klagenfurt, in mehreren Interviews gab, dass sie, ein Neuling, dort eingeladen wurde, eine von vierzehn, und dass sie mit ihrem Buch „Vielleicht Esther“, ihrem Erstlingswerk, die sieben Jury-Mitglieder beim Ingeborg-Bachmann-Preis im Juli 2013 derart überzeugen könnte. Sie überzeugte auch andere, denn danach war sie im Frühjahr auch für den Buchpreis in Leipzig vorgeschlagen. Sie löste in Klagenfurt, das konnte man im Netz ebenfalls nachlesen, aber eine Diskussion aus, wie man sie bei der Jury des Bachmann-Preises wohl schon länger nicht mehr erlebte. Der Suhrkamp Verlag brachte den preisgekrönten Titel in diesem Frühjahr in die Buchhandlungen. Seitdem erhielt die Autorin – so meine eigene Wahrnehmung - allerdings weniger Gelegenheit, sich zu dem zu äußern, was sie uns damit vermitteln will. Die schriftstellernde Journalistin ist seit Februar, als sie ihre brodelnde Heimatstadt Kiew besuchte, wo ihre Eltern, die der Tschernobyl-Katastrophe wegen Ende der Achtziger mit der Tochter nach Deutschland kamen, nun wieder leben, eher gefordert, sich jeweils zur gerade aktuellen Entwicklung in der Ukraine zu äußern. Das tut sie stets besonders engagiert - und immer wieder.

Ein Fernsehinterview, bei dem es noch vor seinem Erscheinen vor allem um ihr bestauntes Buch gehen sollte, weckte mein Interesse, und ich beschaffte mir ihre Erzählung per Internetbestellung. Der Verlag hatte unmittelbar nach Auslieferung des neuen Titels schon kein Rezensionsexemplar mehr zur Verfügung, wurde mir mitgeteilt. In meiner Buchhandlung stand es damals noch nicht im Regal. Die Erzählung, im Text nicht ganz 275 Seiten stark, habe ich das erste Mal emotional stark berührt gelesen. Ich brauchte dafür einige Abende. Um sie nun rezensieren zu können, musste ich das Buch dann ein zweites Mal in die Hand nehmen. Und das tatsächlich mit etwas zeitlichem Abstand. Ich brauchte diesen Abstand. Kann nicht erklären, warum. Noch weiß ich nicht, ob ich mich dem Juror Paul Jandl anschließen möchte, der sich vor einem Jahr als „unglücklich verliebt in diesen Text“ outete (den in Klagenfurt vorgelesenen, mit dem der gedruckt vorliegende nicht völlig identisch sei, kann man irgendwo nachlesen – ich vergaß es, mir aufzuschreiben, wo genau…Im Detail beides exakt zu vergleichen, mochte ich mir nämlich nicht die Mühe machen).

Eines will ich gleich zu Beginn betonen: Die Geschichte eignet sich nicht als Bettlektüre. Man wird dabei nicht einschlafen und auch nicht unbehelligt schlafen können. Ich gehe davon aus, dass nicht wenige Leser beim wiederholten „Studieren“ des Mitgeteilten das Eine oder Andere in Fachbüchern nachschlagen oder vielleicht googlen. Das habe ich auch getan. Des Öfteren musste ich mich disziplinieren, mir immer wieder einreden, dass ich eine Erzählung vor mir habe, keine Reisereportage, keine Dokumentation vergangener Geschehnisse, keine von vornherein Betroffenheit fordernde Familien-Historie.

Die fiktionale Erzählung von „Vielleicht Esther“ (das ist der von der Protagonistin angenommene Name ihrer Urgroßmutter, weil ihr Vater sich seiner Oma nur mehr als „Babuschka“ erinnert und meint, dass sie vielleicht Esther geheißen haben könnte) ist eingebettet in eine autobiographische Familiengeschichte der Autorin, die diese als Reise der Ich-Erzählerin in ihre eigene Vergangenheit, die ihrer Ahnen und die der osteuropäischen Juden - nicht nur im vergangenen Jahrhundert - entwickelt. Es ist eine Zeitreise, ein Ausflug (keine Besichtigungstour) ins Innere. Ins Innere eines „nachgeborenen“ Menschen, ins Innere eines Volkes, ins Innere eines Landes, ins Innere eines Teils Europas vor seinen Teilungen und danach – und nicht zu Letzt ins Innere einer von Medien geprägten Welt der äußeren Gefühlslosigkeit. Es ist die Dokumentation eines Sich-Einlassens, eines Zulassens, eines Sich-Aufbürdens, eines Sich-Zurechtfindens, eines Sich-Aneignens - vielleicht sogar auch eines Sich-Aufbäumens. Die Erzählung ist vielleicht mehr Wahrheit als Dichtung, die Autorin behauptet, alles sei wahr, nichts sei erdichtet. Sie vermittelt uns auf ihre besondere Weise ihre Nähe zu den Figuren, ihr persönliches Interesse am eigenen Plot – und gleichzeitig ihre Distanz (auch Distanzierung) zu dem (von dem), was einmal geschah – und leider immer wieder geschieht. Wenn man die Auftritte Katja Petrowskajas im Fernsehen mitverfolgt, bekommt man eine Ahnung davon, warum ihr ganz persönlich dieses Buch so wichtig gewesen ist, diese Geschichte, zu der sie sich mit dem Gebrauch des Deutschen statt der eigenen Muttersprache so etwas wie Abstand gewähren musste. An irgendeiner Stelle betonte sie mehrfach, wenn auch unterschiedlich im Gebrauch der Wörter, dass Geschichte dann entsteht, wenn niemand mehr da ist, der etwas erzählen kann und nur noch Quellen vorhanden sind. Diesem Manko wollte sie zuvorkommen.

Wer ist die Autorin?

Mehr Information als die Umschlagklappe des (übrigens auch bebilderten) Buches bietet das Internet. Jekaterina Petrowskaja, 1970 in Kiew geboren, als die Ukraine noch Teil der Sowjetunion war, wuchs dort auf, wurde von ihren Eltern auf die Schule in Moskau geschickt, studierte danach Slawistik und Literaturwissenschaft an der Universität Tartu in Estland, promovierte 1998 an der Universität Moskau mit einer Arbeit über „Die Poetik der Prosa Chodassewitschs“ (eines bedeutenden russischen Lyrikers, der 1939 im Exil in Paris starb und der im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt scheint), nachdem sie vorher als Stipendiatin einige Semester an der Stanford University und an der Columbia University verbrachte. 1999 kam sie, aus Interesse an dieser Stadt, nach Berlin, obgleich ihr deutscher Mann lieber in Moskau geblieben wäre (so entnahm ich es einem der unzähligen Porträts der vergangenen Monate). Die Journalistin, die in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung seit 2011 die Kolumne „Die west-östliche Diva“ schreibt, arbeitete bislang für verschiedene russische Medien und deutschsprachige Zeitungen. Als Journalistin äußert sie vor Kameras und Mikrofonen eine dezidierte Meinung zu dem Unrecht, das durch Putin derzeit ihrer Heimat zugefügt wird. Das hat nichts mehr mit Esther zu tun, aber das Buch „Vielleicht Esther“ schreibt sich nun von allein in der Gegenwart weiter. Das mag Katja Petrowskaja gemeint haben, als sie nach seinem Erscheinen einem Interviewer gegenüber feststellte, dass es noch nicht vollendet sei. Die täglichen Nachrichten sorgen dafür, dass man fälschlicherweise schnell geneigt ist, der Autorin in ihrer Feststellung Recht zu geben. Es ist im Buch von Krieg die Rede, und Kriegsgezeter will einfach nicht verstummen in und wegen der Ukraine. Und antisemitische Parolen sind da erneut zu hören, können wir immer wieder lesen.

Die Geschichte

Die Jury in Klagenfurt, in der die Frage aufgeworfen wurde, ob man so etwas überhaupt als fiktionale Geschichte schreiben dürfe, nämlich eine solche Zeitreise in die Vergangenheit, in die Ahnenliste, die Schicksale, die Tötungen, das (auch zufällige) Überlebensglück, die ganz personale Betroffenheit, das eher unbewusste Bestreben eines Nicht-Vergessen-Sein-Lassens und eines Nicht-Vergessen-Sein-Wollens, lobte die Autorin, dass sie der Urgroßmutter über viele Seiten hinweg ein Hingehen in den Tod erlaubte und sie damit über eine lange Romanstrecke (wenn das Buch denn als Roman verstanden werden darf) hinweg – langsam wie eine Schnecke, die Achill niemals einholen könnte - ein nicht erwartetes Lebensende statt eines plötzlichen Erschossen-worden-Seins ermöglichte, das sich selbst und dem Leser übereignete. Die Erzählung, die ich nicht Roman nennen will, konfrontiert mich an vielen Stellen mit einem niemals explizit ausgesprochenen Hader, den ich durch ein ungläubiges Eindringen in Verwicklungen und Verquickungen, in eine bestimmte Schicksalsergebenheit, überlagert finde. Dafür steht natürlich besonders diese „Vielleicht-Esther“ sowohl am Anfang ihrer Straße wie auch an deren Ende.

Für mich steht dafür aber vor allem das Staunen vermittelnde Eingeständnis der Autorin, dass ein Ficus, der von einer Ladefläche genommen wurde, damit ihr Vater Platz finden konnte, sehr viel mehr als nur eine ihr selbst willkommene Metapher ist. Ohne die geschilderte Tatsache gäbe es die Autorin nicht, also auch nicht ihre Erzählung. Dieser Ficus ergänzt das Bild vom Familienbaum. Der Familienbaum, der zuerst geschmückt wird mit Kugeln und Engeln aus einer alten Kiste, dafür jedes Jahr neu gekauft wird, um später einfach weggeschmissen zu werden. Interessant, nein bemerkenswert ist, wie die Ich-Erzählerin ihre Familie aufstellt und „behängt“. Bewundernswert ist, wie sie Geschichte und Geschichten verquickt und miteinander verknüpft. Im Gedächntnis behalten werde ich ganz bestimmt eine geträumte Metapher von einem Buch, das nur mehr eine Eisscholle war, vom Wissen, das so sehr verloren ging, dass da in diesem Eisblock ein einzelner Buchstabe aus Erde, aus der ein Grashalm ragte, sich fast zu Schnee auflöste. Der Traum ließ es nicht zu, das Alphabet zu erkennen. Die Ich-Erzählerin transportiert da in angenehmer Weise eine augenblicklich nicht zu beantwortende Frage der Autorin nach ihren tatsächlichen Wurzeln und ihres nun realen Verwurzeltseins im interkulturellen Umfeld.

Katja Petrowskaja hat sich bei diesem Buch mit Applaus verdienender Bravour der deutschen Sprache bemächtigt. Sie, die gebürtige Ukrainerin, die in russischer Kultur aufgewachsen ist, die die jüdischen Ahnen liebevoll in die gedruckten Zeilen presst, überlässt deren Sprachwurzeln all jenen, denen solche etwas bedeuten.Katja Petrowskaja ist die Tochter eines Literaturwissenschaftlers und einer Geschichtslehrerin. Die schriftstellernde Journalistin lebt mit ihrem deutschen Mann und ihren beiden Kindern in einer Berliner Kiez-Gegend. Während sie sich „mit der Nirgendwo-so-ganz-Zugehörigkeit“, aufgrund derer sie sich für das „lieber ganz fremd in Deutschland als überall halb fremd“ mühsam aber zielstrebig und vor allem erfolgreich das deutsche Leben und die deutsche Sprache erobert hat, tauchte ihr Bruder, anders als sie, sofort uneingeschränkt in die hebräischen Wurzeln ein. Für Katja Petrowskaja ist das „Jiddische“ ein nicht blickdichter Vorhang, der Neugier nicht verhindert.

Die Heimat Europa sollte längst alte Grenzen aufgehoben haben, die sich neuerdings aber noch schlimmer verfestigen, als es in den Geschichten des Buches als längst vergangen dargestellt ist. Also gebe ich der Autorin noch einmal ausdrücklich Recht: Dieses Buch ist noch nicht fertig – nicht zu Ende geschrieben. Umso mehr empfehle ich, all jenen, die sich berühren lassen können, es zu lesen. Diese Erzählung ist keine Abrechnung, keine Anklage. Ich betrachte es als eine Ermutigung, wachsam zu bleiben, mit offenen Augen und Ohren hinzuschauen und hinzuhören – und offene Arme zu haben. Denn die Autorin hat in einem Interview mit Recht betont, dass dies nicht nur ihre eigene Geschichte ist. Ich schließe mit einer Feststellung beim Wettbewerbslesen in Klagenfurt: „…es ist trotz allem keine Betroffenheitsliteratur !“

Katja Petrowskaja, Vielleicht Esther, Suhrkamp Verlag, 2014, ISBN 978-3-518-42404-9, gebundene Ausgabe, 283 Seiten, 19,95 €