Das Leben ist nicht leicht, das Sterben auch nicht – und das Darüber-Schreiben ermutigend

Das mag manchem skurril erscheinen, aber ich finde es sehr passend, dass Martin Bettinger im November in der Trauerhalle des Saarbrücker Hauptfriedhofs aus seinem Buch Ein Galgen für meinen Vater lesen will. Das Buch nennt der Autor selbst einmal eine „Zumutung“, ich empfand es als eine Ermutigung für Betroffene und Noch-nicht-Betroffene, eine Geschichte, vor der man sich an keiner Stelle drücken muss.

Der Roman

Die Vater-Sohn-Geschichte beschreibt eine Flucht aus dem Leben, die nicht so recht gelingen will. Ein Mann erkrankt so schwer, dass der Tod ihn schon an die Hand genommen hat, aber er kann sich dem erst einmal wieder entwinden. Dann wird er zum Pflegefall. Die Gefängnissituation gefällt ihm nicht, er versucht mehrfach auszubrechen. Er macht denen, die sich für sein Wohlergehen verantwortlich fühlen und um alle möglichen Erleichterungen kämpfen, das Leben immer schwerer. Und dann will der Sterbenskranke einfach nicht mehr – Ehefrau und die beiden Söhne müssen sein Hinübergehen regelrecht erleiden, wobei aber die Dramatik eines alltäglichen Geschehens den Leser keineswegs verschreckt sondern berührt. Der Text weist eine überraschende Komik auf. Der Ich-Erzähler, der Sohn Tom, beschreibt das Leben des Vaters und das Miteinander mit den Kindern, die eigenen Erfahrungen mit dem Vater und dessen nicht enden wollenden Einfallsreichtum wenn er sich dem Tod entgegenstemmt sowie seine irgendwie auch tröstliche Trauer in der Kapitulation vor dem Sterben.

Martin Bettingers kleines Buch mit 123 Seiten ist schnell gelesen, aber man muss sich Zeit nehmen, es zu verarbeiten. Ich wünsche mir, es möge viele dazu verleiten - wenn auch nur in den eigenen Gedanken - eine ähnliche Liebeserklärung an einen sterbenden oder verstorbenen Vater zu formulieren, um sich die Erinnerungen an Gemeinsames zu bewahren, die das Loslassen nicht schwerer machen als es ohnehin für jeden von uns ist. Ach Ja: Bei dem Galgen handelt es sich um eine technische Hilfe am Krankenbett, um sich leichter aufrichten zu können. In den Zeilen (und auch zwischen den Zeilen) wird viel vermittelt von den Problemen bei der häuslichen Pflege von Dementen. Auch das Thema Sterbehilfe ist nicht vernachlässigt. Der Autor setzt sich mit seiner Geschichte sehr gekonnt nicht zwischen die Stühle sondern wirklich auf beide – oder sind es sogar mehrere?

Der Autor

1957 in Neunkirchen im Saarland geboren, studierte Martin Bettinger Germanistik und Philosophie in Saarbrücken und Freiburg. Nach verschiedenen Aufenthalten in Berlin und Neuseeland lebt er nun in St. Ingbert in der Saar-Pfalz-Region.

Ein Galgen für meinen Vater ist Bettingers fünfter Roman. 1986 startete er mit Der Himmel ist einssiebzig groß; danach folgten 1999 Der Panflötenmann, 2006 Engelsterben und 2009 Die Liebhaber meiner Frau. Es liegen auch Gedichtbände vor, Kurzgeschichten aus Neuseeland, vor Ort geschrieben. Selbst Liedtexte stammen aus des Autors Feder.

Martin Bettinger bekam zahlreiche Auszeichnungen: Den Jury-Preis des Luxemburger Schriftstellerverbandes 1995 (Luxemburg, europäische Kulturhauptstadt), Best-Story-Preis bei der Live Poet’s Night in Neuseeland 1996, Arbeitsstipendium des Kunstvereins Bosener Mühle 1998, Reisestipendium des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland 1998, Gustav-Regler-Förderpreis des Saarländischen Rundfunks 1999, Berlin-Stipendium der Landesvertretung des Saarlandes in der Bundeshauptstadt 2001, Hans-Bernhard-Schiff-Literturpreis 2001, Saar-Stipendiat am Literarischen Colloquium Berlin 2002, Bird’s Clearing Award der Stadt Nelson in Neuseeland 2003 und „Writer in Residence“ am SLF College in Wellington in Neuseeland 2006.

Martin Bettinger, Ein Galgen für meinen Vater, Conte-Verlag St. Ingbert 2014, ISBN 978-3-95602-010-0, gebundene Ausgabe, 123 S., 14,90 €