Meine - verspätete - Begegnung mit (Hans) Arnfrid Astel

Unser Treffen am 1. April sollte ja kein Aprilscherz sein. Wir treffen uns, weil ich aufgefordert war, Arnfrid Astel zu interviewen oder zumindest zu porträtieren. Der Herausgeber der "eXperimenta" hatte mich schon vor Monaten darum gebeten, nachdem Astel am 9. Juli 2013 achtzig Jahre alt geworden war. Zuerst war ich selbst verhindert, dann musste ich einige Zeit warten, bis der Angeschriebene auf mein ihm per Karte mitgeteiltes Ansinnen reagierte. Ich hatte mich an seine Saarbrücker Adresse gewandt. Arnfrid Astel lebt aber die meiste Zeit in Trier, wie ich inzwischen weiß. Und er ist oft unterwegs – zu literarischen Veranstaltungen oder Ausstellungen oder Ähnlichem. Auf Sardinien hat er seit zwanzig Jahren eine Ferienwohnung.
So blieb mir einige Zeit, mich auf dieses Gespräch vorzubereiten. Im Internet war ich mehrfach fündig geworden. Und ich war sofort irritiert. Denn andere saarländische Autoren, die ebenfalls achtzig Jahre alt wurden - oder ein anderes Jubiläum hatten - schienen mir in der Öffentlichkeit sowie von den Medien stärker beachtet. Astel und ich werden später kurz darauf zu sprechen kommen - und seine offene ehrliche Antwort wird mich etwas traurig machen. Von anderen werde ich viel später erfahren, dass meine Trauer unbegründet sei, denn Astel habe es immer schon verstanden, sich innerhalb des saarländischen Literaturbetriebs eine ausreichende Zahl von Freunden zu schaffen.

In der letzten März-Woche hatten wir uns telefonisch verabredet. Er schlug vor, wir sollten uns im Philosophencafé auf dem Saarbrücker Campus treffen. Er komme aus Trier, habe an der Uni zu tun. Ich stimmte seinem Vorschlag zu. Und musste mich erst einmal schlau machen, was das Philosophencafé ist und wie ich es finde.
Es zu finden, war kein Problem, obgleich ich auf dem Weg dorthin mindestens zehn Studenten vergebens fragte. Dort aber nicht sofort umzukehren statt zu bleiben, musste ich mir ein Herz fassen. Eine unansehnliche schmutzige Sitzecke. Eine absolut abweisende Atmosphäre. Café ohne Ausschank, nicht einmal ein Getränkeautomat hinter dem Tresen. Schmutziges Geschirr auf einer Anrichte. Hoch gestellte Hocker. Hier sollte ich mich mit diesem Arnfrid Astel treffen, von dem ich mir einiges angelesen und manches angehört habe, was ins Netz gestellt ist? Mit dem Mann, auf den ich bereits beim ersten Telefonat neugierig geworden bin. Dessen Werk, dessen Reden, soweit ich sie in der Zwischenzeit zur Kenntnis genommen habe, meine Neugier habe anwachsen lassen.
Ihm ist sofort die große Enttäuschung im Gesicht abzulesen. Hier habe er sich einmal sehr wohlgefühlt, als er sich mit Studenten in diesem Philosophencafé traf, um mit ihnen nachdenklich, loslassend und vor allem schreibend zu arbeiten, sagt er, noch bevor er sich hinsetzt. (Lieber wäre ich mit ihm woanders hingegangen.)

Seine Studenten-Runden (manches wurde protokolliert) müssen die Wurzel der sogenannten "Saarbrücker Schule" gewesen sein. Er habe diesen Namen aber nicht gewählt und nie verwendet, betont Arnfrid Astel etwas später und verweist ganz nebenbei auf seine lange Freundschaft mit Klaus Behringer, dem Vorsitzenden des saarländischen Schriftstellerverbandes (VS), der den "Streckenläufer" herausgebe, in dem gelegentlich auch von ihm, Astel, zu lesen stehe. Klaus Behringer gehörte damals dazu und war einer der Herausgeber von "Einhornjagd und Grillenfang", einem Buch, 1992 zum dreizehnjährigen Bestehen der "Saarbrücker Schule" erschienen, das heute total vergriffen sei. (Tatsächlich lautete der Titel von Astels Seminar bei den Germanisten "Selber schreiben und reden - Einhornjagd und Grillenfang - Anfertigen und vorzeigen kurzer literarischer Texte auf Gegenstände und greifbare Zustände im Kopf und außerhalb"). Diese Saarbrücker Schule wurde sogar Thema einer Magisterarbeit. Ich sitze jetzt diesem fröhlichen Mann gegenüber, der - überhaupt nicht gehetzt wirkend - sich gerade damit entschuldigt hat, dass der Wechsel auf die Sommerzeit ihn in seinen Planungen etwas durcheinander gebracht habe. Über Sinn oder Unsinn dieser Zeitumstellung jeden März und jeden Oktober reden wir glücklicherweise nicht. Wir könnten nichts daran ändern. Obgleich, wenn man daran denkt, dass der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer am Tag zuvor den morgens vereinbarten Telefontermin mit der Bundeskanzlerin verschlief und vielleicht deshalb jetzt kompromisslos in den Reihen der Sommerzeit-Gegner steht, sogar seine Freistaatsregierung dazu handeln lassen will, dann – aber nicht nur deswegen - hätte ein Philosophieren über Zeit und Uhren zu Beginn unseres Gesprächs durchaus Sinn gemacht. Bei den Griechen angefangen, um bei aktuellen Fernsehbeiträgen zu enden? Hätte ich dabei über meinen Journalisten-Schatten springen und mein inneres Ich bekennen müssen, um nicht ein Ochsen-Knecht zu werden? Astels dazu vielleicht passende Epigramme sind mir ja noch nicht bekannt.

Aber Astels bekannter Duktus hätte ihn mir gegenüber gewiss einige amüsante wie auch sinnhafte Aspekte über Untaten von Politikern auf den Debattiertisch legen lassen. Es wäre bestimmt sehr interessant gewesen, dabei gemeinsam durch literarische Räume und durch die Zeit seit Aristoteles zu "reisen". Vielleicht wären wir statt in Europas Strukturen in der uns umgebenden Natur gefangen geblieben. Vielleicht aber wäre ich nicht ausreichend bewandert, um Astels Rückgriffe auf Mythen standzuhalten. Wahrscheinlich hätte ich viel zu wenig Ahnung, um die Astel geläufigen Philosophen-Wege ohne zu stolpern mitzugehen. Wir hatten uns gemäß unserer telefonischen Vereinbarung eine Stunde Gesprächszeit vorgenommen.

Nun haben wir gerade etwas mehr als eine halbe Stunde zur Verfügung, denke ich. Aber Arnfrid Astel, der zu einer Vernissage im unmittelbaren Nachbargebäude eingeladen ist, will dann lieber etwas verspätet in die Universitätsbibliothek gehen. Am Ende unseres Treffens werden wir etwas länger als eine Stunde zusammen gesessen haben. Und nicht er, sondern ich werde es beenden; er hätte mir wahrscheinlich noch länger Rede und Antwort gestanden. Ich werde ihn bei der Verspätung dann nicht länger von der Vernissage fernhalten. Ich hatte mir bei der Vorbereitung zu diesem Gespräch 26 Fragen zurecht gelegt. Ich weiß, ich werde nicht mehr alle stellen. Mein Gegenüber will natürlich erst einmal etwas von mir wissen, denn er kennt mich ja nicht, wir waren uns noch nie begegnet. Ich überlege kurz, ob ich mich dabei schuldig fühlen soll. Denn Arnfrid Astel, der seinem Namen das Hans zufügte, nachdem sein Sohn sich in Berlin 1985 aus dem Leben verabschiedet hatte, muss man natürlich kennen, nicht nur vom einst auch außerhalb des Saarlandes bekannten Namen und inzwischen umfangreichen Werk her, sondern als Saarbrücker am besten auch persönlich. Nun, ich war von 1968 bis 2002 nicht im Saarland daheim, sondern lebte weit weg. Astels Ärger im Saarländischen Rundfunk, der ihn Anfang der Siebziger bundesweit bekannt machte, interessierte mich damals nicht besonders – das heißt, dass der SR mich damals nicht interessierte. Mein Gegenüber zeigt Verständnis, dass ich mich erst seit kurzem mit ihm und seinen Texten befasst habe. Ich werde ihm dafür Wochen später, wenn wir uns zum zweiten Mal treffen, etwas beschbämt noch immer dankbar sein.

Zurück ins Philosophencafé: Ein Student kommt um die Ecke. Ich registriere mit neugierigen Augen und aufmerksamen Ohren, wie Astel den sofort um einen Kaffee bittet. Er hört von ihm, dass dies nur noch ein zeitlich begrenzt offener Raum sei. Niemand bediene hier. Wenn dem so sei, müsse man aber doch bitte den Schriftzug "Philosophencafé" im Fenster entfernen, meint der Ältere erkennbar verärgert zum Jüngeren und wird von dem jungen Mann mit sarkastischem Unterton gleich an die Universitätsleitung verwiesen. Astel murmelt etwas, der Jüngere lässt sich aber auf kein verbales Ping-Pong-Spiel ein und verschwindet einfach. Ich empfinde das etwas unverschämt. Mein Gegenüber zuckt resignierend mit den Schultern. Seine Gesichtszüge glätten sich. Ohne Gedankenpause schwärmt er von seiner Bahnfahrt von Trier nach Saarbrücken und seinem Blick aus dem Zugfenster auf die Saar und vor allem in die explodierende Natur, die an ihm vorbeigeglitten ist. Seine Lektüre auf seinem Schoß habe ihn in diesen Momenten nicht weiter interessiert. Ich male mir Astels vielleicht träumerisches Lächeln aus. Auch ich kann selten - selbst bei langen Zugfahrten – schon lange keine mehr gemacht - Zeitung oder Buch lesen, weil mich mehr interessiert, was da an mir vorbeirauscht. Jetzt beim Schreiben dieses Textes frage ich mich, ob Astel immer nur nach draußen schaut oder ob er auch die Menschen um sich herum beobachtet, so wie ich das sehr gerne tue. Ist der Autor Astel Repititor seiner Augenbilder? Interpretiert er die Begegnungen, die seine fünf Sinne erleben? Ich bin mir noch nicht sicher, als was ich ihn in seinen Texten erlebe. Aber ich weiß Folgendes: Mir gegenüber sitzt ein altersweiser Mensch, der sich mir genauso neugierig offenbart, wie ich mich ihm zeige. Und er lässt in mir die Überzeugung wachsen, dass er im Grunde wohl nie ein Anderer gewesen ist. Arnfrid Astel erzählt mir später, dass er neben der Literaturwissenschaft ja Biologie studiert hat, und dies wahrscheinlich das einzige gewesen sei, worauf sein Vater vielleicht stolz gewesen wäre, hätte er es miterlebt. Ich erfahre, dass das Vater-Sohn-Verhältnis litt, weil die beiden "weniger weichlichen" Schwestern bei dem strengen Herrn mehr Wohlgefallen ernteten.

Ich weiß aus dem, was ich mir angelesen habe, dass dieser Vater, Medizinprofessor, sich laut Eintrag im Munzinger-Archiv als Ideologe im Nationalsozialismus verstrickte und sich wohl deshalb 1945 umbrachte. Den Tod des Vaters, wie auch den seines Sohnes, hat Astel in seinen Texten des Öfteren anklingen lassen, unter anderem im Bändchen „Wohin der Hase läuft“. (Dieses Buch schenkt er mir am Ende unseres ersten Zusammentreffens. Ich bin überrascht, und gleichzeitig bekomme ich damit seine Adresse und Telefonnummer in Trier.) Die Frage, die ich mir vorgenommen hatte, nämlich ob Arnfrid Astel wegen seines Vaters ein "Linker" wurde, stelle ich bei diesem ersten Gespräch übrigens nicht. Stattdessen erfahre ich ohne Nachfragen, dass Astel die Linken (zu seinem eigenen Linkssein bekennt er sich heute noch ohne irgendwelche Abstriche) als zu angepasst betrachtet, da sie - so wie wir alle uns in dieser Wohlstandsgesellschaft zum eigenen Nutzen eingepasst hätten - nicht ernsthaft gegen seiner Meinung nach falsch ausgeprägte Tendenzen ankämpfen Bei meiner Nachfrage zu seinem Verhältnis zu Oskar Lafontaine. höre ich, dass dieser auch Nutznießer dieses Systems sei, das er, Astel, von seiner inneren Einstellung her doch lieber kritisieren möchte und es in vielen seiner politischen Texte getan habe.

Hätten wir bei diesem Gespräch gewusst, dass die Attentäterin, die Lafontaine einst lebensgefährlich verletzte, schon seit Monaten wieder auf freiem Fuss ist, hätten wir sicherlich Gesprächsstoff gehabt, der eine andere Seite Astels anklingen lassen könnte. Die Frage nach Lafontaine hat sich ergeben, als wir über Astels Rundfunktätigkeit sprechen, die durch ein Arbeitsgerichtsverfahren unterbrochen war. Der damalige Landesvorsitzende der Jungsozialisten habe sich beim Protest gegen Astels fristlose Entlassung durch den SR-Intendanten Franz Mai (unter anderem wegen politisierter und politisierender Epigramme) ja erst so richtig profiliert, um später Landespolitiker zu werden und Astels damaligen Anwalt als Justizminister in sein Kabinett zu rufen. An dieser Stelle jetzt aber erst einmal einige biografische Angaben: 1933 in München geboren, verbrachte Astel seine Kindheit in Weimar. Erzogen wurde er im evangelischen Internat in Windsbach in Mittelfranken, wo nach seinem eigenen Bekunden die Weichen gestellt wurden für seine literarische Laufbahn, weil da jemand war, der ihn forderte und förderte.

Dieser Pfarrer gehörte gewiss nicht zu den schlechten Lehrern, die Astel - so er selbst - nicht nur dort hatte, was für ihn aber eine gute Schule gewesen sei. Nach seinem Studium in Freiburg und Heidelberg war Astel acht Jahre lang Präfekt am Englischen Institut in Heidelberg. Obgleich er Nacht für Nacht dafür sorgen musste, dass die Lichter beizeiten gelöscht wurden und in den Zimmern Ruhe herrschte (wobei er - seine eigene Schilderung - gelegentlich zwischen seinen Fingern hindurchsah) kam er, höre ich von ihm, mit den meisten Schülern gut aus, mit dem Lehrpersonal weniger. Aber er war ja schon vorher dafür bekannt, dass er nicht nach Harmonie suchte. Diese Prägung ist wohl bis heute geblieben. Nach einem Zwischenspiel als Verlagslektor in Köln ging Astel als Leiter der Literaturabteilung 1967 zum Saarländischen Rundfunk und blieb das - abgesehen vom juristischen Intermezzo , das er gewann - bis zum Renteneintritt 1998. Vielleicht hätte ich mich ein wenig mehr in diese Zeit vertiefen sollen, sicherlich hätte ich dem manchmal nicht unumstrittenen Rundfunkredakteur die eine oder andere Anekdote entlockt. (Doch dies ist bestimmt nicht mein letztes Gespräch mit Arnfried Astel.

Ich werde ihm Ende April noch einmal gegenüber sitzen und wir werden uns weitere Kontakte zusichern.) Mein Gegenüber interessiert sich selbstverständlich für meinen beruflichen Werdegang und dafür, was ich jetzt tue. Er fragt mich nicht nach meiner Weltanschauung oder meinem politischen Standpunkt. Und ich bin ihm dankbar, dass er mir erlaubt, in Anbetracht unseres Zeitlimits mit meinen Fragen einfach hin und her zu springen. An dieser Stelle kommen wir überein, dass ich ihn nicht interviewe und auch kein Porträt schreibe, sondern dass ich wage - es ist doch meine erste und meine im doppelten Sinn verspätete Begegnung mit diesem Mann; und mein Text erscheint ja in einer Literaturzeitschrift – dass ich es versuche, unser Gespräch in einem, eben in diesem Essay zu schildern. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich keine Ahnung gehabt, dass Astel sich gerade mit Montaigne beschäftigt, dem Begründer der Essayistik. Ich habe mir das Staunen über die sogenannten Zufälle frühzeitig abgewöhnt. Außerdem beschäftigt mein Gesprächspartner sich derzeit mit der Griechischen Anthologie und liest die Epigramme zweisprachig. Beim zweiten Gespräch erfahre ich von ihm nebenbei, dass er meinen Text über ihn und unser Gespräch nicht unbedingt als einen Essay betrachtet. Arnfrid Astel hatte anfangs Lyrik unter dem Pseudonym Hanns Ramus veröffentlicht.

Vor unserem Gespräch machte ich mir Gedanken dazu und frage ihn nun, ob er dabei den französischen Philosophen Petrus Ramus aus dem 17. Jahrhundert oder den Pazifisten Pierre Ramus (Rudolf Großmann) zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Blick hatte. Die Antwort auf meine Frage lautet ganz anders:. Nämlich, dass Astel ja ein kleiner Ast sei, deshalb das Synonym aus dem Lateinischen, eben "ramus" (Zweig), abgeleitet wurde - also lieber Zweig als Ästchen (lat. wäre das "ramulus"). In meinen Gehirnwindungen winkt jetzt Stefan Zweig mit dem Astel, aber den Gedankensprung lasse ich nicht zu. Ich spreche eben mit einem Menschen, der eine humanistische Prägung hat. Er nimmt zur Zeit Plutarch in die Hand, ich erinnere mich mit Mühe an einige Parallelbiographien und nicht mehr. Deshalb verstumme ich für einige Sekunden. Meine weitere Frage nach Astels Vorbildern, beispielsweise sei da gelegentlich von Martial zu lesen, wird von ihm abgewiesen, da er ja nicht wie dieser metrisch schreibe. Martial, der im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebte, sich in seinen bekannten Epigrammen doch streng ans Versmaß halte. Über in Astels Texten auftauchende Parallelitäten zu dessen Inhalten - so an vielen Stellen die Feststellungen anderer, die nachzulesen sind - sprechen wir nicht. Bei der Frage nach Ovid als Vorbild liege ich - so mein Eindruck - nicht ganz richtig, aber wahrscheinlich auch nicht ganz falsch, denn Arnfrid Astel fühlt sich nach eigenem Bekunden in seinen Texten dem, was Mythos ist, vor allem in der Antike, sehr verbunden. Dieser Themata hat er sich oft angenommen. Und wie gerade gehört, beschäftigt ihn der Themenkreis viel intensiver als er mich jemals beschäftigt haben wird.

Vorsichtig taste ich mich heran, um Astels Gedankenkongruenzen zu erkennen, ohne sie mit meiner schrecklichen Ignoranz zu stören. Der plötzlich in meinem Kopf auftauchende Gedanke an Ovids Klagelied des Nussbaums, der am Wegesrand schlecht behandelt wird, lässt mich Astel fragen, warum man in seinen Texten nicht (vielleicht nur nicht oft?) auf die alltäglichen und die besonderen Naturprobleme stößt – wahrscheinlich habe ich mich hier nicht richtig ausgedrückt, denn ich dachte ja an die Sorge um die Erhaltung der Natur, an die Pflege dessen, was in Gefahr zu sein scheint. Seine Antwort lässt mich dennoch nicht unbefriedigt zurück: "Mir gefällt, was ich in der Natur sehe, wenn ich die Augen offen halte und das ist mir wichtig." Es folgen noch Sätze, deren Quintessenz darin besteht, dass Kleinigkeiten, die erfreuen, nicht zurückstehen dürfen hinter Gewaltigem, das leichtfertig als erdrückend betrachtet werden könne. Nicht erst jetzt meine ich feststellen zu können, dass mein Gesprächspartner amüsiert registriert, womit ich mich bei meiner Vorbereitung auf dieses Treffen befasst habe. Dazu gehört auch, dass ich mir in der Saarbrücker Stadtbücherei vier seiner Bücher ausgeliehen habe, wovon dort aber nur eins sichtbar im Regal stand - die drei anderen mussten aus der Registratur geholt werden.

Von der Stadtbücherei kommen wir ohne Umwege aufs Verlagwesen zu sprechen. Arnfrid Astels erste Bücher erschienen bei Hammer, Hanser, Luchterhand, Zweitausendeins Frankfurt, spätere dann im Wunderhorn-Verlag Heidelberg, im Forum-Verlag Leipzig, im Gutleut-Verlag Frankfurt, bei PoCul (Verlag für Politik und Cultur) in Saarbrücken – wo ich mir einiges bestellt habe, um Astel kennen zu lernen - und das letzte 2013 in der Topicana-Reihe des VS Saar, einer Edition des Saarländischen Künstlerhauses in Saarbrücken. Der mir gegenüber an dieser Stelle sehr bescheiden auftretende Autor macht eine humorige Bemerkung zu diesem "Abstieg" (nicht meine, sondern seine Wortwahl), um gleich, als es um seine unveröffentlichten Texte geht (das seien mehr als bislang veröffentlicht wurden), zu betonen, dass er keinem Verlag hinterher laufen werde. Viele der bislang 13 Gedichtbände sind vergriffen; wenn man Glück hat, findet man gebrauchte Exemplare im Internet - etwa "Notstand" aus dem Jahr 1968.

Ebenfalls im Internet wird man fündig, wenn es um Literatur oder um Audiobeiträge über und mit Astel geht. Mit Hochachtung las ich einiges, meistens freute ich mich über feinsinnig ausgestreuten Humor, der Astels Sarkasmus aber nicht kaschieren kann. Gelegentlich stimmte ich seinen zynischen Anmerkungen, die den Journalismus betreffen, den im Rundfunk im Besonderen, gern zu. Manchmal begegnet man in den von Anderen festgehaltenen Reden einer gewissen Selbstironie. Um Astel zu würdigen, muss man auch an die von ihm ab 1959 in Heidelberg herausgegebenen "Lyrischen Hefte" erinnern, in denen er eigene Texte veröffentlichte, jedoch vor allem welche von Schriftstellern und Schriftstellerinnen wie Christine Lavant oder Wolf Wondratschek und manch andere, als man die hierzulande noch nicht so gut kannte. Größen, wie Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger, rezensierte er, als jene ihre ersten Gedichtbände gedruckt bekamen. Seine Tätigkeit im Saarländischen Rundfunk umfassend zu beschreiben, würde Seiten füllen. Ich lasse ihn lieber selbst zusammenfassen: "Literaturwettbewerbe mag ich nicht. Schon arrivierte Literaturgrößen haben mich nie als erste interessiert, ich habe mir meine Gesprächspartner nach eigenen Kriterien ausgesucht. Mir war es wichtig, Leuten zu begegnen, die ich da zum ersten Mal kennen lernen konnte." Er meint damit auch ausdrücklich mich und wir werden später einige Gedanken über mein Märchen „Der Baum, mein Freund“ austauschen, wobei ich mich unerwartet ermutigt fühle. Arnfrid Astel, der sich in den Interviews, die man im Internet nachlesen oder hören kann, auf allen literarischen Feldern und in allen Bereichen des Literaturbetriebs bewandert zeigt, mag heute offensichtlich nicht mehr über alles reden. Den Skandal um Sybille Lewitscharoffs "Dresdner Rede" ("künstlich gezeugte Menschen seien Halbwesen" war darin aber nicht die Kernaussage) will er ebenso wenig diskutieren wie den noch nicht beigelegten Streit zwischen den Gesellschaftern des Suhrkamp-Verlags oder die im vergangenen Sommer öffentlich gemachten Ängste um den Fortbestand des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt. Allerdings zollt er der längst bekannten Autorin Juli Zeh deutlich ausgesprochene Achtung wegen ihres Offenen Briefes an die deutsche Bundeskanzlerin mit der Forderung nach einer angemessenen Reaktion auf die NSA-Affäre. Er selbst habe dazu aber keine Unterschrift geleistet, weil er seiner Meinung nach nicht mehr bekannt genug sei.

Das war einmal anders. Arnfrid Astel äußerte sich sehr politisch in seinem Frühwerk, man kann das nicht nur im ersten Gedichtband "Notstand" nachlesen. Und er trat politisch auf, auch sozialpolitisch bei seinem gerügten Engagement in der Jugendstrafanstalt Ottweiler, das neben anderen „Vergehen“ zu den dienstrechtlichen Verwicklungen führte. (Randbemerkung: Astel war später sogar für zwei Amtsperioden ehrenamtlicher Arbeitsrichter beim Arbeitsgericht Saarbrücken.) Über den saarländischen Literaturmarkt lässt der Lyriker, der schon von Anfang an bevorzugt Epigramme schreibt, in denen er oft mit einem Paradoxon spielt, sich nicht befragen. Kriminalromane und deren Autoren interessieren ihn nicht mehr. Die heutigen erst recht nicht. Einst hat er sich viel lieber mit Außenseitern wie Thomas Bernhard und deren Sichtweisen der Dinge befasst, (ihn und andere auch nach Saarbrücken geholt) - den Trubel zum 25. Todestag des "Heldenplatz-Skandaleurs" in diesem Frühjahr hat er aber nur mehr als Belanglosigkeit zur Kenntnis genommen. Die Herausgabe von Astels "Gesamtwerk" (er selbst dazu: "So etwas gibt es doch erst, wenn man tot ist!") war schon einmal angeregt, als er 2000 den Kunstpreis des Saarlandes bekam. Wer Astels Lyrik beinahe komplett und viele seiner weiteren Texte, mindestens aber die Verweise dorthin, nachlesen will, der wird lange Zeit auf seinen websites (www.zikaden.de) verweilen. Der Autor lädt auch mich sehr ausdrücklich dahin ein. Dabei ergibt sich so ganz zufällig, dass er ja nicht schreibe, um damit Geld zu verdienen, sondern weil er etwas festhalten und mitteilen möchte. Und Folgendes fällt nicht nur mir auf - habe ich nachlesen können: Hans Arnfrid Astel ist kein Lehrmeister bei dem, was er schreibt, auch wenn er vielen das Schreiben beibrachte. Er doziert auch nicht, wenn er redet, sondern er spricht einen an. Im Gespräch, bei dem ich mich immer als Gesprächs“Partner“ empfinde, das am Ende natürlich viel zu kurz gewesen sein wird, um von Astel etwas zu hören, was von ihm bislang noch nie so gesagt wurde, fallen einige lobende Worte für den Literaturredakteur Dr. Ralph Schock, der beim Saarländischen Rundfunk Astels Nachfolger wurde (dabei erfahre ich eine Korrektur zu dem, was Rainer Petto in seinem Buch "Bloß keine Einzelheiten" festgehalten hat.)

Auch über Prof. Dr. Günter Scholdt vom Literaturarchiv Saar-Lor-Lux, der an der Gustav-Regler-Forschung beteiligt ist, höre ich stark lobende Worte. Beim Gustav-Regler-Preis ist Arnfrid Astel gerade vor kurzem als vormaliger Preisträger "unfreiwilliges" Jury-Mitglied gewesen. Bei der knappen Tour d’Horizon frage ich ihn auch nach seiner Einschätzung der Bedeutung des „Wortsegel"-Wettbewerbs der saarländischen Schulen. Ich bemerke, dass er froh ist, dass man ihn da noch nicht gefragt hat. Bleibt nur noch die journalistisch nicht zu vernachlässigende Chronistenpflicht: Vor dem Gustav-Regler-Preis (2011), den die Stadt Merzig gemeinsam mit dem Saarländischen Rundfunk vergibt, erhielt Arnfrid Astel 1980 den Kunstpreis der Stadt Saarbrücken, 1994 war er Ehrengast in der Villa Massimo in Rom, 2000 verlieh man ihm den Kunstpreis des Saarlandes. Astel war Mitglied im Beirat des PEN-Zentrums der Bundesrepublik. Im Verband deutscher Schriftsteller trat er als stellvertretender Vorstandsvorsitzender wegen der „gescheiterten Reliterarisierung“ protestierend zurück. Astel kritisierte hier das Verbandeltsein mit der Politik. Schließen will ich mit Zitaten. Rüdiger Heins, den ich fragte, warum er mich zu Arnfrid Astel schickte, sagte mir, dass es wenige Lyriker gebe, deren Texte ihm so gut gefielen wie dessen Epigramme. Und er habe methodisch und inhaltlich viel von diesem Menschen gelernt, als er Mitte der Achtziger einmal sein Schüler war. Ich weiß, dass ich selbst nun zu denen gehöre, die noch viel von Astel lernen wollen - hoffentlich können. Ich finde nicht nur große Teile seines literarischen Werk sehr interessant, sondern manches , was über seine bei vielen sehr beliebten „freien“ Reden geschrieben wurde bzw.was man davon schriftlich festgehalten hat, auch hilfreich in dieser oder jener Beziehung. (Randnotiz, die in keiner Beziehung dazu steht: Arnfrid Astel lebt mit einer Deutschlehrerin zusammen, die, wie er stolz berichtet, gerne unterrichtet.) „Im Chaos schwimmt der aufgeräumte Kopf“ heißt ein bei PoCul in Saarbrücken von Steffen Aug 2004 herausgebrachtes Buch.

Ich „stolperte“ da über eine Astel-Rede aus dem Jahr 1991 bei einer Ausstellungseröffnung. Ich übernehme fünf Zeilen (völlig aus dem Zusammenhang gerissen): „…wahrscheinlich ist die ganze Kunst- und Literaturtradition Missverständnis von Entzifferungen und deshalb Neuentzifferung, entsprechend den eigenen Eindrücken, den eigenen Wahrnehmungen in einem Erregungszustand. Sokrates würde sagen, wenn man eine Gänsehaut bekommen hat, dann ist es geschehen…“ (Ich lasse das an dieser Stelle kommentarlos stehen.) Und schließe jetzt mit dem letzten Satz aus Michael Buselmaiers Lobrede auf Astel im Jahr 2000 (zum Kunstpreis des Saarlandes): „…in Hans Arnfrid Astels Gestalt ist der Andere und Eigene, lebenslang Abweichende, vom Tod übersprungene, Übriggebliebene, der wissende Waldgänger und selbstironische Romantiker, der sich der Vorzeit annimmt und die Zeichen auf dem Zahn des Wals entziffert, in der Kontinuität des Widersprechens, der Macht stets gegenüber, vielleicht am aussichtslosen Rand, aber nicht korrumpierbar, die Kalmuswurzel in der Hand.“ (Randnotiz: Dass Michael Buselmaier, Heidelberg, den Gustav-Regler-Preis 2014 in Anerkennung seines Gesamtwerks erhält, das verdankt er Arnfrid Astel, der ihn vorschlug, weil er bis dahin nicht nomminiert war. Und das Verbandeltsein von Buselmaier mit SR-Redaktionen und anderen wird später zu einem kritischen Echo in der Presse führen.)