Erste Hilfe für den Zweiten Fall

Glosse

Welche Kirschen schmecken denn wirklich besser? Die in Nachbars Garten - oder die im Garten vom Nachbarn? „Der Dativ ist dem Genitiv sein Feind“ steht in vieler Germanisten und anderer Leute Bücherregal.

Manch einer hat längst vergessen, was man hat ernst nehmen sollen von Bastian Sicks Warungen vor zehn Jahren. Deshalb sollte es am vorletzten Maiwochenende dringend Erste Hilfe für den Zweiten Fall geben, war damals zu hören und nachzulesen. An der Freien Universität Berlin kamen Linguisten und Philologen zusammen, um sich drei Tage lang mit dem richtigen Umgang mit dem casus genitivus zu befassen, sich der Traditionen korrekter Sprache zu erinnern ohne sich des Wandels in der Chat-verwöhnten Generation der Sprach-Mischer zu entziehen.

Dabei war weniger die Frage, ob das S des Genitivs schneller in Büchern oder auf Displays verschwinden wird. Die einen begnügten sich mit einem Stück Kuchen während andere nach einem Stück des Kuchens äugten und die dritten genau dieses Kuchens Aromen nicht so gerne rochen. Die Probleme des Internets kamen zur Sprache während viele Probleme im Internet vergraben blieben, weil man sich über den Erhalt des Genitiv-S so trefflich streiten kann ohne die Ohnmacht zu bestreiten, der man heutzutage unterlegen ist.

Waren da einige nicht wegen des schlechten Wetters missgestimmt, während andere sich wegen dem augenblicklichen Tages- bzw. Tagungsverlauf Hoffnung auf bessere Zeiten machten? Der Vergleich des Genitivs in verschiedenen Sprachen schien Beobachtern der Szene etwas obsolet, denn die

Web-Kommunikation wird noch mächtiger als sie schon ist und der Duden hat längst Ohren und Augen der Anstrengungen wegen müde geschlossen.

Wenn die ihre SMS aus vorhandenen Wörterbüchern tippende Smartphone-Gesellschaft längst ganze Silbenreihen verschluckt, wer mag dann noch nachdenklich über des Genitiv-S Tücken stolpern?

 

Der Erste-Hilfe-Kurs fand der gegebenen Umstände wegen wohl zu wenig Teilnehmer unter jenen, die ihn ob dieses Stolperns hätten absolvieren müssen. Die Zahl der Lehrer wird geringer, wenn die Menge der zu belehrenden Schüler schrumpft. (ehn)