Eine Bildbetrachtung

„Der alte Mann und das weite Meer...“

meerboat

 

Das Titelbild zu meiner allerersten Ausstellung „Weil die Seele sich nach Farbe sehnt“ (2001 in Bensheim) zeigt einen Mann in einem kleinen Boot auf offener See, einem Sonnenaufgang zugewandt. Irgendwie standen Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ sowie die Verfilmung mit Spencer Tracy dafür Pate, auch wenn meine Intentionen am Stoff der Novelle, die überraschend zum Literaturnobelpreis beitrug, vorbei schrammten.

Hemingways preisgekröntes Werk hatte mich schon in jugendlichem Alter gefesselt. Ich hab das Buch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder einmal neugierig zur Hand genommen. Und stets etwas Neues entdeckt.

Als ich einen Titel für meine erste Ausstellung suchte, ging meine Fantasie mit mir durch meine sämtlichen Leseerfahrungen spazieren. Ausschlaggebend waren dann aber wohl die Eindrücke, die Spencer Tracy in der Verfilmung des Kurzromans hinterlassen hatte.

Der Maler Edgar Neumann wandte sich zwar dem „Alten Mann“ zu, aber zunächst in einer großen Distanz zum Romanstoff. Für den Wortlaut des Ausstellungstitels „Weil die Seele sich nach Farbe sehnt“ mache ich meine mögliche Nähe zum Maler Hermann Hesse verantwortlich.)

2005, als ich schließlich anfing, eigene Gedichte auszuwählen und zu überarbeiten für eine (bis jetzt nur geplante) Anthologie, stieß ich wieder auf den „Alten Mann“, bevor ich mich dem „Regenbogen“ zuwandte. „Auf dem Weg durch den Regenbogen“ wurde 2007 Titel sowohl einer Bilderausstellung als auch von mehreren Lesungen. Und da bekam der „Alte Mann“ für mich eine andere Bedeutung als zuvor.

Meine Neigungen hin zu Blautönen, auch in Erinnerung an Hemingways unvollendetes Werk „The Blue Sea“, gewannen im Zuge der Bearbeitungen meines Themas gelegentlich die Oberhand. Außerdem spielt die Geschichte des „Santiago“ ja des Nachts. Für mich war die Nacht im Zusammenhang mit meinem persönlichen „Weg durch den Regenbogen“ von besonderer Bedeutung. Und hier im Bild musste dann das fast magische Licht einer Vollmondnacht diesem „Weg durch den Regenbogen“ gerecht werden.

Ich gehöre zu jenen Malern, auch jenen Verfassern von Texten oder Gedichten, die sich nicht um die Akzeptanz oder Ablehnung ihrer Werke scheren möchten.

Meine gemalten Werke und meine experimentellen Texte sind Ausdruck meines eigenen Befindens ohne Rücksicht auf Gedankenspaziergänge und Galoppsprünge anderer. Ich zeige kein Bild und lese keinen Text um des Applauses willen, eher will ich mit allem, was ich tue, provokant sein. Allerdings nicht um der Provokation willen. Meine Provokationen möchte ich schon irgendwie auch als Ermutigung verstanden wissen.

Mein ohne Vorzeichnungen innerhalb kurzer Zeit entstandenes Pastellbild „Der alte Mann und das weite Meer“ lässt, so hoffe ich, für den Betrachter viele, viele Fragen unbeantwortet. Ich selbst entdecke für mich immer wieder einmal ein neues Fragezeichen.

Dieses Bild ist auch eines der wenigen, die ich in den vergangenen zehn Jahren malte, denen ich sehr lange Zeit keinen eigenen Text zuordnete. Vielleicht sagt das Bild allein schon genug über mich aus, so dass es mir schwer gefallen ist, eine konkretere Einengung durch Worte vorzunehmen. Vielleicht aber auch nur, weil ich dieses Bild immer wieder als sehr aktuell verstehe. Die Aktualität von 2011 ist allerdings eine andere als die von 2008.

In dem Pastellbild gibt es nichts, was nicht so gewollt war. Und es gibt nichts, was ich im Nachhinein ändern würde.

Hinweisen auf den einen oder anderen handwerklichen Fehler des Malers oder den interpretierenden Gedanken eines Betrachters zur Komposition des Bildes will ich gern mein Ohr leihen.

Edgar Helmut Neumann (erste Fassung im Dezember 2009)