Alexander

Abschied

Du bist gegangen
ohne ein letztes Wort

Du hast mich
nicht mehr angeschaut
und trotzdem
spür ich
deinen Blick mich fangen
und höre deinen Schmerz

Deine Hand berührt mein Herz
und ich seufze
erleichtert

Die Tränen sieht niemand

Erinnerungen sind wie Blumen am Rand unserer Wege

Donnerstag. Im September. Mitten am Nachmittag. Der Arzt kann nur noch den Tod feststellen. Die Nachricht erhalte ich am Abend. Mein älterer Sohn ist plötzlich und für alle unerwartet verstorben. Sein Bruder teilt es mir mit. Kurz zuvor hörte ich den Anrufbeantworter ab. Die Stimme meiner Schwiegertochter hat da bereits Schlimmes vermuten lassen. Nun bin ich wie gelähmt. Kann kaum Gedanken fassen. Drei Wochen vorher erst hatten der 43 Jahre alte Vater von zwei Buben und seine Familie uns kurz vor ihrem Sommerurlaub besucht.
An einem Freitag, dem Dreizehnten stehe ich am offenen Grab und schaue ein letztes Mal auf diesen „Topf“ mit der Asche. Acht Tage nach dem unangemeldeten Tod, der fast nie an die Türen klopft, durch die er tritt. Wirklich nicht? An jenem Donnerstag Nachmittag, an dem der Sensenmann wieder einmal nicht davor zurückschreckte, Leid auszustreuen, habe ich in fröhlicher Runde, wohl genau zur Todesstunde, von meinem Sohn und seinen Buben gesprochen. Jetzt am Grab denke ich nicht nur daran, sondern auch an die Schmerzen, die ich nun aushalten muss, und die seiner 38 Monate vorher verstorbenen Mutter erspart bleiben.
Meine Tränen kann niemand sehen. Wütend denke ich an einen befreundeten Arzt, der mir tagszuvor zu verstehen gab, dass unsere Trauer uns selbst verschleiert, dass wir ja nur den Verlust beklagen, den wir erlitten haben; die Toten würden von unserem Weh nichts mehr verspüren. Die beiden Buben vor mir würden diese Aussage nicht verstehen. Am Tag, bevor ihr Vater starb, hat er mit ihnen einen Freizeitpark besucht. Am folgenden Montag werden sie wieder zur Schule gehen müssen.
Bei der Beerdigung lacht die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel, an einem Tag, der mit dichtem Nebel begann. Ich steh‘ am Grab und spür‘ etwas von der Wärme in der Luft auch in meinem Innern. Am Tag danach fällt mir dazu ein Gedicht ein. Beim Schreiben denke ich an meinen eigenen Schmerz, der sofort von anderen Erinnerungen verdrängt wird. An meine beiden Enkel, für die an diesem Wochenende die Sommerferien zu Ende gehen, denke ich in diesem Augenblick nicht. Erst später bedrängen mich dazu sehr traurige Gedanken. Wann werde ich mit ihnen über den Tod ihres Vaters reden können, wann werde ich, wann werden sie stark genug sein?
Tage vergehen, die Wochen verstreichen. Für Anfang Oktober hatten mein Sohn und ich uns verabredet, wir wollten einiges gemeinsam erledigen. Er kann nicht mehr tun, was er tun wollte. Ich muss es akzeptieren lernen. Mein Schmerz ist aber ein anderer: Ich denke zunächst nicht daran, was wir jetzt nicht mehr miteinander machen können, sondern daran, was wir nie miteinander taten, obwohl wir oft davon sprachen. Doch die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen.
Inzwischen sind fast sechs Monate ins Land gezogen. Ich bin immer noch dabei, meine Erinnerungen für mich selbst zu sortieren und meine Tränen vor anderen zu verstecken. Bevor manche dabei zu Perlen werden können (seltsamer Gedanke?), verwandle ich sie zu Worten, die ich größtenteils in meinem Innern begrabe. Einige sind mir allerdings schon in die Tasten geflossen und haben sich zu gedenkenden Zeilen auf weißem Papier geformt, die mit meinem Wehklagen streiten und es zu bewältigen versuchen. Während in meinem Kopf Bilder entstehen, in denen Sonnengelb das Trauerschwarz auflöst.
Ich habe inzwischen gelernt, mich darüber zu freuen, dass mein Sohn und ich, auch gemeinsam mit anderen Familienmitgliedern oder mit Freunden, so manch schöne Stunden verlebten. Dieser Tage wäre er 44 Jahre alt geworden. Er hätte noch so viele Jahre für sich und mit uns erleben sollen, es sollte nicht sein. Niemand auf dieser Welt kann dazu etwas Gültiges, erst recht nichts Tröstendes sagen. Auf fromme Sprüche kann ich verzichten.
Als in jüngster Zeit immer wieder Erinnerungen in meinem Innern auftauchen, sehe ich meinen Sohn mir lächelnd zuschauen. So auch heute morgen. Ich lag noch im Bett und blickte durchs Fenster. Am Ende des Hangs hinterm Haus sah ich ihn. Aus den Robinienstämmen, Ästen und unbelaubten Zweigen der hohen Bäume oben am Grundstücksrand formten sich seine Züge, genauer konturiert durch die Falten des Vorhangs im Zimmer. Als ich den beiseite schob, konnte ich aber nur noch erkennen, was da draußen tatsächlich vorhanden ist. Und das lächelnde Gesicht, war es nicht auch – wenigstens für den Bruchteil eines Augenblicks - wirklich vorhanden gewesen?
Dieser Tage nahm ich den Fotokalender in der Hand, den ich schon seit vielen Jahren von meinem jüngeren Sohn zu Weihnachten geschenkt bekomme. Diesmal hatte ich ihn gebeten, außer sich selbst und seinen Kindern auch seinen toten Bruder mit seinen Söhnen nicht zu vergessen. Er hat meinem Wunsch entsprochen. Und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich begriffen, was anderen Leuten Fotoalben bedeuten können. Künftig gehöre ich zu ihnen.
In den vergangenen fünf Monaten lernte ich auch verstehen, womit ich mich noch niemals auseinander gesetzt hatte: Meine Urgroßmutter sprach uns Kindern, Enkeln und Urenkeln gegenüber nie über den Verlust, den sie erleiden musste. Sie verlor zwei ihrer Töchter, als diese selbst schon Kinder hatten. Die eine, die Mutter meiner Mutter durch einen Autounfall als Mama noch Kleinkind war. Die andere im Krieg, als Bomben auf meine Vaterstadt fielen. Damals starben sogar noch zwei von deren Kindern.
Die Mutter meines Vaters hat sich damit abfinden müssen, dass ihr ältester Sohn nicht aus dem Krieg heimkehrte. Auch sie hat nie mit uns darüber gesprochen, wie sie an den Vermissten dachte oder welchen Schmerz es ihr zufügte, dass sie sein Grab nicht kannte. Aber von ihr hörte ich schon in meinen jungen Jahren, dass Kinder nicht vor ihren Eltern sterben dürften.
Damals verloren meine Mutter und mein Vater meine Schwester, als diese im Alter von sieben Jahren hinter unserem Hund auf die Straße und in ein Auto lief. Sie verstarb wenige Stunden nach dem Unfall. Meine Mutter spricht erst seit kurzem darüber, was sie damals und danach zu ertragen hatte, eigentlich erst seitdem mein Vater nicht mehr lebt.
Ich habe den Tod meiner Schwester, ich war sieben Jahre alt, als sie zur Welt kam, und habe mit vierzehn nicht auf sie achten können, als sie verunglückte, bis heute nicht verkraftet. Vielleicht deshalb, weil der Rektor meiner damaligen Schule darauf bestand, dass ich nach der Beerdigung wieder zum Unterricht erscheinen musste? Damals war ich wie gelähmt, stand tagelang neben mir.
Wird es mir ergehen, wie meiner Urgroßmutter und meiner Großmutter? Werde ich nun ewig schweigen wollen? Oder werde ich den Tod meines Sohnes irgendwann nicht weiter stumm beklagen, sondern mich nur darüber freuen, dass wir so viele schöne Stunden miteinander verbrachten in den lediglich 43 Jahren, die er lebte, obwohl er an einem Freitag, dem Dreizehnten zur Welt gekommen war? Was nicht nur für meine Schwiegermutter einer Katastrophe gleich kam.
Weil so viele in der Familie und einige unter guten Bekannten das damals nicht positiv werten konnten, sogar später immer wieder davon sprachen, wollte ich mich schon seit geraumer Zeit mit der Zahl auseinander setzen und einen Roman schreiben, in dem die Dreizehn eine besondere Rolle spielen sollte. Ich habe wegen des Beerdigungsdatums (Freitag, 13.) das Projekt nach sieben Jahren in den Papierkorb stürzen lassen wollen. Freunde haben mich davon abgehalten; nun habe ich es erst einmal in einer Schublade vergraben.
Mein Sohn, der mir heute morgen zulächelte, hat mir gerade eben in die Rippen gestoßen, meine ich zu spüren, so wie wir das immer machten, weil wir uns nicht auf die Schultern klopfen wollten. Danke!?
Uroma, Oma, Mama – werdet ihr verstehen können, dass ich meine Gefühle und meine Gedanken nicht für immer in mir begraben kann? Mutter meiner Kinder, nein ich beneide dich nicht darum, dass du die Schmerzen nicht mehr spüren musst, die ich ertrage, heute vielleicht noch mit traurigem Herzen, übermorgen aber bestimmt nicht mehr so bedrückend sondern hoffentlich erleichtert, weil Erinnerungen so wunderbar unterschiedliche Blumen am Weg durch das Leben sind.
Ich habe von Freunden aus vergangenen Tagen unmittelbar nach dem Tod meines Sohnes viel Tröstendes gehört und gelesen, manches aus dem Mund von sogenannten guten Bekannten aber einfach überhört.
Ein guter Freund hat mich vor einiger Zeit dazu ermuntert, über meine Trauer zu schreiben und es anderen zu lesen zu geben. Verführte er mich dazu? Ich tue hier, was er für richtig und wichtig gehalten hat.
Ich danke meiner Frau. Sie hat mich bislang verständnisvoll schweigen lassen. In den wenigen Momenten, in denen meine Zunge sich löste, mir aufmerksam zugehört ohne mir wegweisende Ansichten vor Augen zu führen. Sie sieht mich an, ich senke vielleicht meinen Blick - oder halte ihrem stand - und wir brauchen keine weiteren Worte.
Alexander – meine meistens stumme Trauer um meinen Sohn, ihren Stiefsohn - steht nicht zwischen uns, er ist mit uns. Er schaut uns bestimmt nicht vom Himmel aus zu. Ich glaube nicht an das Reich der Seligen, ich habe andere Vorstellungen vom Fortdauern nach dem Sterben. Nein, wir spüren ihn in uns weiterleben. Seine Nähe ist für uns Gewissheit, wenn er immer wieder in unsere Gedanken zurückkehrt.
Unsere Erinnerungen sind eingehüllt in die wärmenden Sonnenstrahlen an jenem Freitag, dem Dreizehnten, an dem wir die Urne mit seiner Asche mit der Friedhofserde zugeschüttet haben.
Übrigens: Das wäre der 77. Freitag (13.) im Leben meines Sohnes gewesen. Ich muss über diese Feststellung, die ich nicht unterbleiben lassen will, lächeln.

ich weiß das

erinnerungen
überrollen mich
unter der sonne
im regen
und nachts im traum
allein - nicht im nebel zurück
gelassen
kommt und geht
trauer in meinem
leben

erinnerungen
malen mir - reich an farben -
ausrufezeichen und fragezeichen
hinter dir her
setzen einen regenbogen-bunten punkt
in unserem leben - in meinem
wenn wir - wenn ich es zulasse

ich
ziehe einen doppelpunkt
vor
apostrophen
mag ich ihn nicht – den doppelpunkt

meine bildunterschriften
werden nicht fett
gedruckt
brauchen meine bilder
keine unterschrift
sie verblassen
mal langsam mal schneller
ein bild von dir bestimmt

viele
erinnerungen
wirken
länger
als ein solches bild

meine erinnerungen
an dich
gehörten gehören mir
schon gestern
heute erst recht - und morgen auch

ich weiß das

 

die-Sonne-loest-die-Trauer-auf