Felsberg aus der Vogelperspektive betrachtet

Es ist ein ganz seltsames Gefühl: Dieser Blick aus zusammengekniffenen Augen in die rötlich untergehende Abendsonne. Der hellglänzende Tagmacher wird gleich verschwunden sein. Und Ende August dauert es dann nicht mehr lange bis die Nacht hereinbricht. Die Dunkelheit wird sich wie eine Decke über die Erde da unten legen. Über die Äcker und Waldstücke, die mein Dorf einrahmen. Dieser unterschiedliche Boden, der Generationen ernährt hat. Ich fliege in fast tausend Metern Höhe darüber hinweg und hab Tränen in den Augen. Ich weiß: Das ist nicht nur der Wind, der mir sehr kühl an der Nase vorbei weht.

Es ist ein ganz seltsames Gefühl. Ich schau auf ein Dorf, das erst wieder mein Heimatdorf wird. Ich schaue auf Häuser und Gärten, Straßen und Höfe, abgeerntete Felder und brachliegende Wiesen, die bewaldeten Hügel, hingestreckte Ebenen, Wasserlauf und Teich, Sportplatz und Reithalle, auf die Kirche und auf die Burg.

Mein Blick ist nach innen gewandt, wo die Bilder der Vergangenheit aus der einstigen Loren-Seilbahn auferstehen, die einmal den Bruch am Sauberg und das Kalkwerk am Ortsausgang unten verband. Als Kind bin ich da in der damals für mich schwindelnden Höhe dahingeflogen und freute mich bei dem Jungenstreich wie eine diebische Elster übers geraubte Abenteuer.

Meine Gedanken schweifen über die dahingebreitete Landschaft hinweg und meine Ahnungen verlieren sich in der Zukunft.

Felsberg, ein Dorf mit Zukunft? Der Dorfschreiber träumt sich in die Winkel des Herzens eines kleinen Mädchens, das hier lebt. Dieses Mädchen beginnt gerade sich die Welt zu erobern. Seine Gedanken entfliehen nun nach und nach der dörflichen Enge.

Wer wird dem Kind helfen, immer wieder heimzufinden, die Geborgenheit der heimeligen Gemeinschaft nicht zu vergessen? Wird dieses Mädchen daran glauben, dass seine eigenen Kinder dieses Straßendorf als Heimat schätzen könnten?

Das Mädchen hat ein beschützendes Elternhaus, ist gerne mit den Freundinnen im Dorf zusammen, hängt an seinen Großeltern.

Dieses Mädchen ist neugierig, wissbegierig, unternehmungsfreudig, erlebnishungrig, abenteuersüchtig, heranwachsend, lebensfroh. Dieses Mädchen lässt sich für Neues im Dorf begeistern, so scheint mir, wenn ich höre, dass es im neuen Jugendorchester Posaune spielen möchte. Ich hoffe, dass es so ist und auch dann annähernd so bleibt.

Ich schau nach unten und kann das Haus, wo das Mädchen seit fast elf Jahren lebt, genau so ausmachen, wie die Häuser in denen ich aufgewachsen bin. Ich überschaue meine Vergangenheit und blicke in meiner Nichte Zukunft. Die Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendjahre sind schon wieder und die Zukunft meiner Nichte ist noch verschleiert.

Aber dieses Gefühl, das in luftiger Höhe sich einer bemächtigt, das ist klar konturiert. Es windet sich da unten durch die Gassen und erobert sich die Zugehörigkeit zu jenen hinter den Türen und Fenstern der Häuser und begleitet auch jene, die gerade auf den Wegen auszumachen sind.

In diesem meinem Dorf leben Menschen, junge und alte, quirlige wie gebrechliche, gesunde und kranke, schlaue, auch mit Bauernschläue beschlagene, und weniger gewiefte, arg beschäftigte und arbeitsmüde, naturbeflissene und abgekapselte.



Da unten sind so viele Talente zuhause, manche davon liegen vielleicht brach, weil niemand davon weiß. Oft wird man davon überrascht, wenn man nicht damit gerechnet hat. Ich beteiligte mich gerade an der Ausstellung „Künstler in der Region“. Ein paar Meter neben meinem Bild hing das einer Künstlerin, auf deren Visitenkarte eine Felsberger Adresse stand. Kürzlich bei der Wahl fiel jemandem auf, dass er viele Leute im Dorf gar nicht kennt, sie da zum ersten Mal sah.

Dieses Dorf hat in dreihundert Jahren viele Generationen geboren und begraben, diese Generationen waren sich nicht immer allesamt ihrer Wurzeln bewusst. Wie beispielsweise einer, der in diesem Jahr siebzig wurde, ganz woanders lebt, aber immer wieder auf seiner Heimatscholle Kraft tankt.

Und diese Menschen da unten in den Häusern unter mir, fällt mir nun in der Luft da oben ein, haben heute so ganz unterschiedliche Wurzeln. So ändern sich die Zeiten, so verändert sich eine Gemeinschaft. Man sorgt sich um die Bindungen, denn für viele sind andere Verbindungen von Bedeutung.

Meine Nichte kennt ihre Wurzeln, sie schätzt es, von den Großeltern in den Arm genommen und gehämelt zu werden. Sie weiss, wo sie daheim ist.

Felsberg hat Zukunft solange die Felsberger sich bewusst bleiben, was das in einem Leben bedeutet…

Mit diesem Bewusstsein hat man Gestaltungswillen, der Zukunft prägen kann, auch die von Felsberg, diesem kleinen Dorf, der „Stai“, meiner zurückgewonnenen Heimat, die mir so lange gefehlt hat… Denn dahemm es dahemm - on dat es ned iwwerall!