Nachträglich festgehaltene Erinnerungen eines damals aus der Stadt zugezogenen Dorfjungen

Ein ganz persönlicher Nachruf,
der zu einem weit ausholenden Rückblick verleitet



Es war Ende Februar 2006: „Tante“ Dora wurde zu Grabe getragen. Keine leibliche Tante, nein, aber eine nahe stehende Seele. Und doch auch ein Mitglied unserer Familie, denn Dorothea Poncelet war die Patin meiner Schwester Susanne. Sie wurde 83 Jahre alt Als sie beerdigt wurde, lag ihr Mann Hermann schwerkrank im Krankenhaus. Einige Wochen danach starb auch er. Die Erinnerung bahnte sich ihren Weg aus den Tiefen der Zeit in die Gegenwart.Vulkania

Die Schwestern Dora und Katharina (geborene Gladel) haben für mich eine besondere Bedeutung. Einmal deshalb, weil Dora die Person im Dorf gewesen ist, zu der meine Mutter in unseren ersten Jahren in Felsberg eine vertrauliche Beziehung aufbauen konnte, auch zur Schwester gab es eine engere Bindung als zu manch anderen im Dorf. Wenn ich mal wieder Grund hatte, mich wegen irgendeiner meiner Untaten zu schämen, hat Katharina mir humorvoll mein Seelengatter geöffnet. Während Dora diejenige war, bei der ich mich ausheulen durfte, wenn ich Trost suchte. Und das auch noch, als ich fast schon erwachsen war. Als es mich beruflich fort zog, war Dora diejenige gewesen, die mir zuriet, etwas zu wagen, wovor mir bang war, als ich mit 21 Jahren das Saarland verließ, um mir die Welt jenseits des Rheins zu erobern.

Zu Dora und Katharina wurde ich als Kind einkaufen geschickt. Der alte Tante-Emma-Laden der Gladels hat sich schemenhaft in mein Gedächtnis eingegraben. Das große Bonbonglas mit den Himbeerdrops (oder waren es eher die Bekkos?) nicht einmal so sehr wie der große Schrank mit den vielen Schüben, das große Heringsfass in der Ecke, das Essigfass und der Senfeimer und die heute nicht mehr bekannte Tatsache, dass 1953 noch so vieles in Papiertüten lose verpackt nach Hause zu tragen war, während doch auch einiges wie Kathreiner’s (Malz)Kaffee abgepackt im Regal stand. Ich glaube mich sogar richtig daran zu erinnern, dass selbst das Viertel (Pfund) Butter von einer Stangenrolle geschnitten wurde. Ans Butter-Schlagen kann ich mich auch noch dunkel erinnern. Und da gab es die „Bittchesbudder“, Landsig-Margarine aus einem glänzend gelben Bottich.
Damals war ich gerade mal sechs Jahre alt. Und an mancher Tüte habe ich auf dem Nachhauseweg genascht. Einmal auch am Zucker, den ich dabei verlor. Aus Angst vor der elterlichen Strenge bat ich Tante Dora weinend um Hilfe und bekam eine neue Tüte mit auf den Weg mit einer ernst ausgesprochenen Mahnung, sie nun gut nach Hause zu bringen.

Ansonsten war es ja öfter die Tante Katharina, die mir die Einkaufstasche packte, wenn ich einholen musste. Sie stand viel öfter hinter der Einkaufstheke, während Tante Dora meist in Haus und Stall half. Katharina hatte dann irgendwann den neuen Lebensmittelladen neben uns eröffnet, dort wo wir zur Miete wohnten. Für mich als Kind war das damals etwas ganz besonderes, die vielen neuen Auslagen nun auch vor der Einkaufstheke bewundern zu können. Ja, da waren dann auch noch die Rabattmärkchen, die uns heilig waren, während wir die Gemeinschaftsspardose der Sparkasse dort an der Wand nicht nutzen konnten. Wir haben meistens anschreiben lassen müssen, denn wir waren am Bauen.

Doch zurück: In der Küche bei Sissens hab ich mich auf der Bank, solange es sie gab, wohlgefühlt und das sogar, bis ich von meinem ersten Unglücklich-Verliebtsein zu berichten hatte, da war ich grad mal vierzehn Jahre alt. Ich war verknallt bis über beide Ohren, aber ich war leider chancenlos. Das Mädchen war von mehreren aus unserer Klasse heftig umschwärmt, hat ihrerseits aber keinem von uns ihr Interesse gezeigt. Von Tante Dora getröstet, war mein Schmerz schnell vergessen. Ein paar Jahre später gelang ihr das nicht mehr so leicht.

Etwas vage sind die Erinnerungen, wenn ich mir ins Gedächtnis rufen will, wie ich die Ställe bei den Gladels kennen lernte. Da vermengen sich die Bilder aus Kindertagen, weil für mich die vielen Eindrücke zu überwältigend waren. Da stürmte auf den Bub aus der Stadt eben zu viel auf einmal ein. Da haben mir Hansi und Agnes’ Eltern, die Gladels nebenan, mindestens ebenso viel vermittelt wie die von Dora und Katharina, vor allem aber „Jole Paul“, der damalige Bürgermeister Gladel in unserer direkten Nachbarschaft, der mir als neugierigem Buben sehr viel Aufmerksamkeit zuteil werden ließ. Und Albert Weyrich neben ihm natürlich nicht zu vergessen. Beim Albert seinem Vater bin ich mal auf dem Mähbinder mitgefahren, ich kann es nicht erklären, warum das zu meinen festen Erinnerungen gehört, während ich sonst doch einiges grad erst zurechtrücken musste. Sonst hätte ich hier Weyrichs kleine Dreschmaschine mit der großen vom Schreiner Steffens Johann verwechselt. Mir war auch nicht mehr bewusst, dass es der Rudolf Antoni war, der Pferde beschlug, ich hätte unlängst noch geschworen, dass ich solches bei Weyrichs kennen gelernt hätte. So bin ich richtig froh, dass ich meinen Eintrag hier unter anderem mit Klaus Schwarz, Katharina Hoen und Agnes Fournier absprechen konnte.

Für mich damals am interessantesten waren überall die Hausschlachtungen, nicht nur weil Josef Mähler sich mir gegenüber wie auch bei anderen so schrecklich interessant machte. Da gab es doch noch den Matthias Klein, den Bruder unserer Hausherrin, dem ich mehrfach beim Schlachten zusehen durfte. (Er musste ja später meinen Fifi erschießen, als dieser bei Katharina Hoen – von der wir ihn Jahre vorher bekommen hatten – genau vor der Ladentür in ein Auto gelaufen war. Während wir ihn heute zur Abdeckerei schaffen lassen müssten, war das damals noch nicht nötig. Damals gab es ja auch noch einen Pferdeacker, wie ich mich ganz dunkel erinnere.)

Meine Eindrücke vom Schlachten einst würde ich heute als sehr zwiespältig bezeichnen. Die Wurschdsupp am Ende des Tages schmeckte zwar sehr gut, aber die Träume, in denen ich kleiner Spund diese Erfahrungen zu verarbeiten suchte, müssen wohl quälend gewesen sein. Ich weiß noch, dass meine Mutter mich kaum trösten konnte, als ich einmal aus dem Schlaf aufschreckte. Meinen allerersten Schreck hatte ich da längst überwunden, als unserer Vermieterin Agnes Hoen nach einem Beilschlag einmal ein kopfloser Hahn aus der Hand und im Keller umher flatterte, was ich seinerzeit überhaupt nicht begreifen konnte.
Bei der Tante Dora hatte ich danach besorgt gefragt, was mit den Küken würde, die bei in der Küche in einer Schachtel piepten. Da hängen auch noch einige andere Erinnerungen etwas vage in meinem Gedächtnis, wie die große Sorge einiger Bauern vor angeordneter Stallquarantäne. Im Kreis war irgendeine Seuche unterwegs. Und für uns Kinder war allein schon dieser Begriff Seuche etwas Furchtbares, weil wir ja nicht ermessen konnten, was er wirklich bedeutet, dass aber Erwachsene etwas fürchteten, das genügte, um sich das Allerschlimmste auszudenken.
Erst vor wenigen Tagen beim Landfrauen-Jubiläum ist mir bei der Nennung von Daten aus damaliger Viehzählung deutlich gemacht worden, was einem Dorf seine Pferde, Kühe, Schweine, Ziegen, Hühner und Gänse wert waren. Heute haben Reitpferde eine ganz andere Bedeutung. Als Kind hab ich mir solche Gedanken natürlich nicht gemacht.

Wenn man als Ortsfremde in ein Dorf wie Felsberg kam, damals zumindest, war es wichtig, dass es Leute wie Dora Poncelet (und auch ihre Schwester Katharina) gab.
Mein Vater, der fast ohne Hilfe mit eigner Hände Arbeit unser Haus baute, war darauf angewiesen, dass meine Mutter zur Stelle war, wenn er es allein nicht hätte schaffen können. Ich hatte dann auf meine beiden kleinen Geschwister aufzupassen. Und das war für einen sieben-, acht- und neunjährigen Jungen nicht leicht.

Viele Episoden von damals führen heute noch immer wieder mal zu schrecklichen Erinnerungsträumen. Die harmloseste Erinnerung ist die, dass meine kleine Schwester mir beim Aufräumen zuhause Holzkegel auf den Kopf schlug. Schlimmer war, als sie sich mit kochender Milch den Arm verbrühte. Einmal war ich mit ihr im Kinderwagen und dem Bruder an der Hand unterwegs. Sie warf etwas weg, wonach ich mich bückte. Da rollte vorm Elternhaus von Klaus Schwarz der Kinderwagen über die Straße direkt vor einen Lastwagen. Glücklicherweise hatte dieser dank des vorausschauenden Fahrers bereits gestanden.
Ein anderes Mal bin ich mit den beiden durch die Felder gestreift. Auf einmal wollten sie dann keinen einzigen Schritt mehr machen. Beim Neuhof versuchte ich deshalb in die Straßenbahn einzusteigen. Stand aber auf der falschen Seite auf dem Trittbrett, als die Bahn wieder anfuhr, und fast keiner auf mich geachtet hatte, als ich die Tür nicht aufbekam. Glücklicherweise ist bei der doch noch rechtzeitigen Notbremsung durch einen Fahrgast nichts passiert. Später bin ich mit meinen kleinen Geschwistern durch die Felder gestreift, einmal auch hinüber nach Berus. Ans Sießschmierbrot im Pfarrhaus dort kann ich mich noch gut erinnern. Mit unserem Hund liefen wir auch einmal bis zu meinen Urgroßeltern in Saarlouis, die zuletzt neben der Molkerei wohnten. Auf dem Heimweg saßen wir glücklicherweise auf einem Leiterwagen, weil irgendeiner der hiesigen Bauern uns ab Beaumarais mitholte, aus Mitleid oder Sorge weiß ich nicht mehr.
Wir saßen auch einmal ab der Neuen Welt auf einem Bierwagen, wo das Stangeneis auf der Ladefläche schmolz und wir deshalb nasse Hosen bekamen.

Meine Erinnerungen aus späteren Jahren streifen zum einen auch die Thekenbesuche bei Tante Dora, als sie mir im Wiesenhof ein herrlich gezapftes Bier ausschenkte und sich dabei mir ebenso aufmerksam zuwendete wie einst in Kindertagen. Und ich wälzte damals an der Wiesenhof-Theke meine ersten Erinnerungen, als ich Gedanken in einem Notizbuch festhielt, die ich vielleicht als Kind gehabt haben mag, als ich in der Stehbierhalle am Bahnhof in Saarlouis fünfjährig ein „großer“ Bierzapfer war. Die Kindheitserinnerungen, die weiter zurückreichen, sind etwas dunkler, wie die des Wichts, der dem Urgroßvater beim Skatspiel auf den Knien rutschen wollte oder völlig sorglos im Abraumberg auf dem Großen Markt herumtollte, weil der Loren-Zug so anziehend wirkte.
Gewichtiger waren bei diesen „therapeutischen“ Gesprächen in der Reitstall-Schänke aber andere Erinnerungen wie die eben angeführten.
Das Notizbuch war übrigens bereits viele Jahre zuvor mit ersten Gedichten begonnen worden, wovon eines in meiner Reihe „Wort- und Farbklang“ landete und vor zwei Jahren hier verlesen wurde. Wer hätte damals, da war ich ja noch Schüler, daran gedacht, dass ich einmal der „Staia Dorschreiwer“ sein würde, der sich mit zwölf schon Gedanken übers Schreiben gemacht hat. Tante Dora hat mir später, weil sie meine literarischen Ambitionen gelegentlich doch anders als ich betrachtete, gerne in Erinnerung gerufen, wie ich im ersten Volontariatsjahr bei der Saar-Zeitung Kirschkuchen-Diebe zu Tortenmördern machte, worüber wir dann herzhaft lachen konnten, anders als damals, als es geschah.

Doch nun, da meine Gedanken durch die Zeiten springen, kommt mir noch die Hochzeit meiner Schwester ins Gedächtnis, wo sich einmal mehr zeigte, dass mit Tante Dora auch schnell etwas auszuhecken war. Obgleich meine Schwester ihrem Bräutigam versprochen hatte, sich nicht entführen zu lassen, gelang es meinen Söhnen und mir doch recht leicht. Dank Tante Dora, mit deren Hilfe wir Susanne aus der Gesellschaft herauslocken konnten. Sie sollte sich mit ihrer Patin von mir fotografieren lassen. Dann saß sie schwuppdiwupp in meinem Auto, und ihr Mann musste sie in einem Lokal in Saarlouis auslösen. Trotzdem bekamen wir alle mit, wie meines neuen Schwagers Bruder Franz mit einem Geißbock auf glattem Parkett tanzen musste. Ein alter Brauch, weil der jüngere Bruder als erster heiratete. Dem Dorfschreiber wird an dieser Stelle bewusst, dass hier noch eine große Aufgabe vor ihm liegt, wenn er an das frühere Brauchtum denkt.

Noch einmal weit zurück zum Tante-Emma-Laden der Gladels und dabei gleichzeitig auch zu all den anderen Geschäften damals im Dorf…
Dora und Katharinas Mutter, zuerst mit Johann Rupp verheiratet, der als Soldat fiel, hatte ihren Laden schon vor dem Ersten Weltkrieg im „alten Haus vom Siss“, neben der ehemaligen Milchsammelstelle, das vom sogenannten Wiederaufbau 1940 abgebrochen wurde, so wie noch mehr als vierzig andere im Dorf.
Die Familiengeschichte der Sissens wäre ein Thema für sich. An dieser Stelle will ich nicht allzu viel davon ausbreiten. Aber sie gehört eben zur Dorfgeschichte.

1953, als wir nach Felsberg kamen, war „Sissens Buddigg“ eines von insgesamt sechs Lebensmittelgeschäften neben einer zusätzlichen Metzgerei, der von Maria Becker, und der Backstubb von Aloys Gladel, einem fahrenden Bäcker. Mit ihm fuhr ich nicht nur oft mit durchs Dorf, er nahm mich auch mal mit in seine Backstube. Sein Lehrbub wollte ich danach aber nicht werden, es war mir einfach viel zu staubig.

Die Milchsammelstelle der Resi Müller darf ich nicht vergessen. Weil ich dort oft zuschauend verweilte, kam ich meist später heim und wurde wiederholt dafür gescholten, vor allem in den dunklen Monaten. Später in Oberfelsberg haben wir dann bei Michels unsere Milch geholt. Die im Unterdorf gab den besseren Schmierkäs her, die da oben hatte die leckerere Rahmschicht obendrauf. Vielleicht schmeckte Michels Milch auch deshalb besser, weil man die Kühe eben persönlich kannte.

Doch weiter zu den Geschäften: Da waren also in der Bahnhofstraße Nikolaus Klein (der damalige Küster; sein Sohn Klaus, vor Jahren dem Krebs erlegen, war mein Alterskamerad), die Gladels (Sissens) sowie Alfons Wiesler und Rosa Zimpel geb. Gladel in der damaligen Hauptstraße, Berthold Dietrich an der Ecke zum Senderweg ebenso in Oberfelsberg wie Paula und Valentin Gladel (Dickens) an der Straße nach Ittersdorf. Valentin hat später meinen Eltern die Sachen sogar ins Haus gebracht. Bei Dickens hab ich später sonntags seltener beim Frühschoppen gesessen als beim Regler, oben wurden Karten gekloppt, unten die Dorfgeschäfte durchgehechelt.

Außerdem gab es zu jener Zeit fünf Schreinereien, darunter die Bau- und Möbelschreinerei Franz Nussbaumer, in der ich mich später so gut wie zuhause fühlte. Unsere Türen und Fenster stammten von dort. Meinen ersten eigenen Schreibtisch hab ich, als Jugendlicher eigentlich als handwerklich unbegabt angesehen, dort mit fachmännischer Unterstützung durch den Gesellen zusammenzimmern dürfen. Davor aber, als wir noch unten wohnten, da lief ich in Hoens Baracke an der Bahnhofstraße rum. Sah Richard, Katharinas Mann, und seinem Bruder Rudolf bei der Arbeit zu und schleppte meiner Mutter ab und an ein kleines Blumentischchen in Nierenform heim.

Stephan Klein, Schlosser und Klempnermeister in der Großwies, der auch elektrische Installationen erledigte, hat unser Haus ausgestattet. Seine Tochter Elfriede ist meine Klassenkameradin gewesen so wie der Sohn Ernst von Schuster Michel Robert in der damaligen Kirchenstraße. Wenn ich mich mit Ernst traf, haben die Roberts oft bewundert, wie gut meine frisch besohlten Schuhe aussahen, was mein Vater selbst erledigt hatte.

So wie Schuster „Misch“ manch anerkennendes Wort fand, so war auch bei Dora Poncelet oder Katharina Hoen öfter die Rede davon, was mein Vater beim eigenen Hausbau so alles allein bewerkstelligte, von Hänschen Tilmont, drei Häuser unter uns, kritisch beäugt. Tante Dora war es, die mich gelegentlich mahnend daran erinnerte, wenn ich mal wieder jammerte, weil ich nicht all das durfte, was vielen meiner Alterskameraden selbstverständlich schien.

Auch zu Willi Christiany, seiner Frau und seinen Kindern hatte ich eine engere Beziehung, weniger wegen ihres Gartenbaubetriebs als wegen der Poststelle
Mit Josef Christiany, mit dem unser Ortsvorsteher Klaus Schwarz eng befreundet ist, verbindet mich heute, dass wir beide der gleichen Kunst frönen. Und in der Art, wie wir malen, sind wir uns auch nach Meinung Außenstehender irgendwie ähnlich, wobei Jony, nicht nur um einiges älter sondern auch erfahrener als ich, bei seinen Motiven natürlich viel meisterlicher malt als ich. Ich bin ja erst seit zehn Jahren wieder kreativ und beim Pinseln gelegentlich doch noch ein Anfänger.
Jonys Mutter war später meine Vertraute bei meiner vorübergehenden Freundschaft mit Françoise aus Le Havre. Ich bekam ja fast jeden Tag einen Brief (schrieb auch immer sofort eine Antwort). Und die Briefe holte ich mir auf der Post ab.

Neben den Christianys wohnte übrigens meine Lehrerin Maria Rupp. Ihr hatte ich im zweiten Schuljahr viele Strafarbeiten zu verdanken, die ich oft erst erledigte, wenn ich beim Handarbeitsunterricht der Mädchen dazu nachsitzen musste. Über diese in den Augen meiner Alterskameraden beschämende Tatsache bzw. die daraus resultierenden Hänseleien haben Dora und Katharina mir auch tröstend hinweggeholfen. Der für mich irgendwie attraktiv scheinenden Fräulein Rupp hab ich trotzdem irgendwann einmal im zweiten Schuljahr auf dem gemeinsamen Weg zur Schule morgens so etwas Ähnliches wie einen Heiratsantrag gemacht, kann ich mich ganz dunkel erinnern.

Heute lässt die gewachsene innere Distanz zu jener Zeit diese Tage belächeln. Denn viel prägender als jeweils zwei Jahre in der Doppelklasse bei Maria Rupp und später bei Lehrer Ludwig Meyer (mit dem ich bei der Saar-Zeitung dann wieder zu tun bekam) war das eine Jahr bei Bernhard Gehl (genannt „Gustav“), der mir auch nach meinem Abgang zur Mittelschule und später, als ich zur Zeitung ging, noch sehr gewogen blieb. Bernhard Gehl hatte indirekt einen wesentlichen Anteil daran, dass ich das geworden bin, was ich wurde.
„Gustav“ und Tante Dora waren es, die mich damals nicht verdammten, als ich in noch jugendlichem Alter plötzlich das linke Parteiabzeichen spazieren trug, während andere im Dorf mir meinen damaligen „Fehltritt“ in die SPD selbst heute noch nicht verzeihen wollen. Bernhard Gehl hatte mir seinerzeit prophezeit, dass ich über diese „Dummheit“ später einmal selbst am meisten lachen würde. Nun, er hat in vielem Recht behalten, und Tante Dora natürlich auch.
Der Journalist Edgar Neumann gab das Parteibuch schon 1972 zurück und nahm fortan kein anderes entgegen. Im Ruhestand bedauere ich es sehr, dass ich in den Jahren meiner Redaktionstätigkeit kein Glossenbuch begonnen habe, um blinzelnd meine beruflich geprägten Ansichten zu den lokalen, regionalen und weiterreichenden Auswüchsen in unserem Parteienstaat jeweils aktuell festzuhalten.
Was „Gerda“ geschrieben hat (Gerda war eine Verdrehung der Buchstaben meines Vornamens) gefiel natürlich nicht allen Parteigängern unter den Lesern meiner Zeitung.

Zurück zu „Gustav“: Ich erinnere mich noch, wie er uns einmal aus der Schreinerei neben ihm kleine Holzklötzchen anschleppte, die wir zum Tag der Deutschen Einheit einfärben mussten. Sie wurden dann von anderen farblos nachgelackt. Die oberen Klassen haben schließlich Päckchen gemacht, die dann zu Kindern in der SBZ geschickt worden sind. So wurden auch Wappen der verloren gegangenen deutschen Ostgebiete gemalt und an die Klassenwände gehängt. Im Saal unterm Schulhausdach, wo sonst mit laut ratternden Projektoren Unterrichtsfilme gezeigt wurden, fand auch eine Feierstunde der gesamten Schule zum Tag der Deutschen Einheit statt. Was Bernhard Gehl uns da beschwörend erzählte, weiß ich heute aber nicht mehr.
Dafür erinnere ich mich, wie er mir bei den Bundesjugendspielen anders als Ludwig Meyer Mut zusprach, wenn ich bei fast allen Disziplinen schlechter als andere war. Vergeblich mühte er sich, mir beim Ballweitwurf in den Punktebereich zu verhelfen. Beim Weitspringen hatte ich dank seiner Ratschläge dann mehr Chancen als beim Hochsprung. Ludwig Meyers Sportunterricht war für mich immer eine Qual.
Im Winter, um noch bei der Schule zu bleiben, haben wir morgens als erstes die gefrorene Schulmilch in den Heizungskeller geschleppt. Und die so angewärmte Milch hat dann grausam geschmeckt. Es blieb manchmal viel in den Flaschen zurück. „Gustav“ schimpfte mit uns deswegen ebenso arg wie dann, wenn er irgendwo auf dem Schulhof ein Pausenbrot gefunden hatte. Er erzählte uns einiges von den hungernden Kindern in Afrika. Er musste Biafra vorausgeahnt haben.
Im Winter haben wir auch in der Schulstraße von oben her zum Schuleingang hin auf Glatteis geschleimert. Ludwig Meyer war das nicht so recht, wenn er mit seinem Cremeschnittchen ins Rutschen geriet. Apropos Cremeschnittchen. Dem Ludwig Meyer hab ich doch mal, natürlich versehentlich, ein Stück Holz ans fahrende Auto geworfen, da war vielleicht Polen offen.

Wintererlebnisse gab es viele. Dazu auch ein sehr schmerzhaftes. Ich trug damals Nagelschuhe aus dünnem Ziegenleder. 1954 gab es mehrere Tage Glatteis im „Marokko“. Für uns Kinder etwas Herrliches. Aber ich holte mir leider Frostbeulen.
Ja, da waren noch die Schlittenabfahrten auf dem Sauberg, in der Großwies oder gar die ganze Dorfstraße hinunter. Die Kirchenstraße nicht zu vergessen. Ich erinnere mich, dass ich wenigstens zweimal wegen Ungehorsams „Ausgangssperre“ bekam. Der Ungehorsam bestand darin, dass ich zu lange „ausblieb“. Da konnte Tante Dora mir auch nicht heraus helfen. Aber es waren damals ja so viele kalte Winter gewesen. Insgesamt eine sehr schöne Zeit im vom Verkehr noch nicht so geplagten Dorf am Gauhang. In Erinnerung ist mir die Bewunderung für den selbstgebauten Mannschaftsbob, mit dem Alfons Fournier, sein Bruder Arnold, Hansi Gladel, Paul Christiany, und weiß nicht mehr wer noch, die Stai runter rasten. Auch das Ende des Gefährts am Telefonmast am Kirchenweg mit dem Beinbruch von Alfons, an den er sich immer noch schmerzhaft erinnert wird.

Um nochmals beim Thema Schule zu bleiben. Mein Jahrgang war einer der ersten, die das neunte Schuljahr erlebten, und dazu mussten meine Alterskameraden dann ins Nachbardorf. Damit begann hier so eine Art Umbruchstimmung, schien mir damals, denn der Unterricht war völlig anders als beim „Gustav“. Dann kam die Zeit der Lehrjahre und der „Floretts“, die frisiert wurden. Davor waren es die alten und die besseren Fahrräder, so wie Jahre davor die einfachen Plastik- und die besseren Lederbälle, mit denen man spielte. Mit meinen kleinen Geschwistern an der Hand konnte ich da den anderen eigentlich immer nur zuschauen. Da waren auch die unterschiedlichen Jahre, wo wir mit Radfelgen oder davor sogar noch mit den eisernen Wagenreifen zugange waren, während dann die Hula-Hupp-Reifen von sich reden machten, zu unserer Einschulungszeit die gestrickten Strümpfe und später die Petticoats.

Aja: Nach Fräulein Rupp galt meine nächste Schwärmerei - natürlich einige Zeit später - Jonys Schwester Anni, die ich als sehr attraktiv anschaute, als ich mit meinen Klassenkameraden sehr früh in die Katholische Jugend eintrat. Aber Anni war nicht nur älter, sie wurde beim ersten „Lenen ausrufen“, an das ich mich dunkel erinnern kann (einem heute nicht mehr allzu bekannten Brauch, den ich noch miterlebte), für mich unerreichbar „wechgesprochen“. Vielleicht trug das auf irgendeine Art und Weise dazu bei, dass ich fortan trotz späterem Tanzkursbesuch meiner linkischen Art wegen Nichttänzer wurde. Beim „Lenenball“ mit Anni war ich ja noch viel zu jung für solches Vergnügen. Ich machte mir die schlimmsten Vorstellungen. So ist es eine prägende Erinnerung geworden. Bei den Erlebnissen einige Jahre später in der Jugendgruppe von Alfons Fournier, und Stefan Reuter als seinem Nachfolger, waren solche frühen Schwärmereien jedoch schnell vergessen.

Die Schneiderei Anton Gerhard in der Bahnhofstraße darf ich nicht vergessen. Dort wurde mein erster Anzug gefertigt, indem einer meines Urgroßvaters gewendet wurde. Dieser Anzug war schnell hinüber, denn ich trug die Hose leider an dem Tag, als ich bei einem Sonntagsausflug nach Bous mit dem Fahrrad auf dem bei Lisdorf sandigen Randstreifen der Schnellstraße (heute A620) stürzte. Die dabei aufgerissene Hose war fortan gestopft. Damals war es noch selbstverständlich, gestopfte Sachen zu tragen, während heute ja eher weggeworfen und neu gekauft wird.

Apropos Fahrrad. Da hab ich mich mal wirklich fast zu Tode geschämt und dacht sogar nach, ob ich aus Scham nicht lieber mein Leben beenden sollte. Ich weiß nicht mehr wie alt ich war, aber ich war schon in Dillingen auf der Schule. Ich fuhr noch mit dem alten Drahtesel meines Vaters, alle anderen hatten bereits Räder mit Gangschaltung usw. Eines Sonntags, ich wollte mal wieder nach Saarlouis laufen, stand da auf dem Weg zum Sportplatz ein wunderschönes Sportrad am Zaun. Im Nu saß ich drauf und radelte los, vor Picard bin ich gestürzt, hab das Rad dann im Graben liegen lassen. Dank der Freundlichkeit vom damaligen Dorfpolizisten Grüttner blieb die Geschichte im Dorf. Meine Eltern, die seinerzeit des Hausbaus wegen nicht wussten, woher nehmen, mussten die von mir verschuldete Fahrradreparatur bezahlen. Ich war nicht nur heftig gescholten sondern im Dorf auch als Dieb gebrandmarkt. Wenn Tante Dora mir damals nicht darüber hinweggeholfen hätte, mir klar machte, dass manch einer mit Jugendsünden behaftet sei, ich weiß nicht, was wirklich passiert wäre.

Zurück zum Dorf: Im damals gerade einmal tausend Einwohner zählenden Felsberg gab es bis in die Sechziger Jahre auch zwei große Gasthäuser jeweils mit Saal, Hoen und Nicola-Rupp, sowie zwei kleinere, darunter die von Angela, die dann Marga Massing führte. Später kamen noch zwei neue hinzu, andere fielen weg, und heute gibt es nur mehr ein Hotelrestaurant, das im „Felsberger Hof“, wobei viele im Ort am meisten beklagen, dass der Saal vom „Regler“ weggefallen ist. Beim Regler füllte mich an einem Geburtstag ein anderes Gastwirtepaar einmal so ab, dass meine Mutter mir hinterher ohne Rücksicht auf die Matratze in meinem Bett einen Eimer Wasser überschüttete, um mich ins Leben zurückzuholen.

Glücklicherweise hat Felsberg seit geraumer Zeit wieder einen Bäckereiladen, in dem auch die wichtigsten Lebensmittel für den Notfall zu haben sind, mit kleiner Imbissecke fürs schnelle Frühstück. Hier ist unter anderem die tägliche Bildzeitung zu haben, sofern man nicht zu spät kommt, um im Bilde zu sein. Dabei erinnere ich mich dann daran, dass ich einige Zeit in Ensdorf und Lisdorf die Zeitung ausgetragen habe, die ich tags zuvor herstellen half, aber auch die Saarbrücker Landeszeitung, die es ebenso wie die damalige Saarlouiser Saar-Zeitung nicht mehr gibt. Dafür stand mir ein verlagseigenes Mofa zur Verfügung, das öfter nicht funktionierte. Doras Mann Hermann hat mir mehr als einmal geholfen, es wieder gangbar zu bekommen, wenn Kupplung oder Gaszug nicht so wollten wie ich es ihnen abforderte.

Die Bäckerei Benzschawel war auch mal am alten Bahnhof interessiert, hat man mir unlängst berichtet. Leider kam es nicht zum Erwerb, denn da würde in Felsberg vielleicht heute noch frisches Brot gebacken, läge ein gewisser Duft in der Luft, gäbe es vielleicht ein paar Arbeitsplätze mehr im Dorf. So sind es leider viel zu wenige, derzeit keine fünfzig registrierte. Das Überherrner Industriegebiet Häsfeld ist halt nicht nur ein Segen, scheint mir. Jedenfalls wird in Felsberg nicht nur gejubelt, wenn davon die Rede ist.

Beim alten Bahnhof denken wahrscheinlich viele daran, wie noch in den Fünfzigern die Linie Neun mit mehreren Waggons zwischen Saarlouis und Creutzwald verkehrte und nebenbei auch mal einen Güterwagen nach Felsberg schleppte oder von hier aus zurück. Mit dieser Bahn fuhr auch ich, als ich 1958 zur Mittelschule ging; ich musste in Felsberg schon früh um Sechs einsteigen, damit ich um acht Uhr in Dillingen in der Schulbank sitzen konnte. Daran änderte sich auch mit dem Busfahrplan wenig. Deshalb dauerte es nicht lange, bis ich mit dem Fahrrad zur Schule fuhr, mit dem Vokabelheft auf der Lenkstange über den Sandweg. Ihn kannte ich übrigens schon in Kindertagen, wenn mein Urgroßvater mit mir auf den Gau lief, um dort Zickel oder anderes Schlachtvieh zu kaufen.

Felsberg mit nun fast 1500 Einwohnern ist also um einiges schlechter dran als damals, könnte man meinen. Nur heute ist fast jeder so motorisiert, dass das nicht mehr ins Gewicht fällt. Einen Blumenstrauß kann man immer noch am Ort kaufen. Ebenso wie ein Rosenbäumchen, einen Gebrauchtwagen ebenso wie einen Döner. Gymnastikstudio, Kosmetiksalon, zwei Frisörgeschäfte sind vorhanden. Andere freiberufliche Dienstleister sind den Eingeweihten ebenfalls bekannt. Es muss also niemand jammern, es sei denn eine alleinstehende ältere nicht mehr mobile Person, die auf fremde Unterstützung angewiesen ist. Ihr bieten sich neben der im Dorf üblichen Nachbarschaftshilfe jedoch unterschiedliche mobile Dienste an, selbst das Menü kann angerollt kommen. So wie der Pflegedienst. Und vielleicht wird es einmal wahr, dass Felsberg eine Arztpraxis aufweisen kann, ein interessiertes Arztehepaar wohnt ja im Ort.

Felsberg betrachtet sich nach wie vor als Dorf, auch wenn Kühe und Schweine nicht mehr gehalten werden, es keine Hausschlachtungen mehr gibt. Dafür ist das Viezhaus dank des Engagements eines eingeheirateten Städters (Georg Stockhausen saß in der Mittelschule in unserer Bankreihe neben mir) aber noch in Betrieb, was mich in der Erinnerung an frischen Apfelmost bei unseren Vermietern und anderswo auch wieder zurück zu den Sissens führt…
Bei ihnen gab es einen vortrefflichen Obstbrand, wozu die Birnenbäume vor ihrem Haus besonders gut geeignetes Obst hergaben. Beim Obstpflücken bin ich gerne über die letzten Leitersprossen hinaus fast bis in die Baumwipfel geklettert. Auch auf anderen Obststücken hab ich Mirabellen, Pflaumen, Äpfel gepflückt.
Meine erste Bekanntschaft mit den „Hundsärsch“, zu deren „Genuss“ ich mich als kleiner unerfahrener Bub hab verleiten lassen, werde ich nie vergessen.

Vom Lindenbaum an der Kirchhofmauer hab ich eines Tages auf Pastor Richard Hein gespuckt. Das war entweder kurz vor der Kommunion oder vor der Firmung, das weiß ich nicht mehr. (Als Bischof Matthias Wehr damals ins Dorf kam, war mein Jahrgang der jüngste, der schon unmittelbar nach der Kommunion zur Firmung zugelassen war.) Jedenfalls hat Tante Dora mit dem Pastor gesprochen, damit es für mich nicht die angedrohte Katastrophe gab, als er ankündigte, dass er mich ausschließen wolle. So haben, nehme ich mal an, zumindest zeitnah, meine Eltern von meinen riesengroßen Ängsten nichts erfahren. Der Pastor bestand übrigens darauf, dass man nicht ihn sondern Gott grüße, wenn man sich begegnete. So wie Lehrer Meyer uns Kinder den knappen Gruß auf Staia Platt vergällt hat und ein hochdeutsches Guten Tag forderte.

Für einen Neunjährigen waren damals auch die Hellebardenstöße in die Rippen, die der Kirchenschweizer Michel Grimmont austeilte, natürlich mit dem Stabende und nicht mit der Spitze, wenn man bei der Predigt „schwätzte“, ganz schlimm. Des Küsters Sohn und ich waren eine Zeitlang seine beliebtesten Opfer. Er nahm auch schon mal jemanden am Ohr, um ihn vor die Kirchentür zu schleppen. Einmal musste ich dann sogar mit vollgemachter Hose nach Hause laufen. Und zuhause hatten wir damals kein Bad, nur eine Waschbütte in der engen Küche. Und das am Sonntag während der Essenszubereitung… Meine Mutter muss es wohl arg geschüttelt haben.

Grimmont hat damals auch im Dorf die Bekanntmachungen ausgeschellt, meistens sonntags nach der Messe von der Straßenmauer vor der Kirche aus mit lauter Stimme übers aufmerksame Volk hinweg gesprochen, was wichtig war. Apropos Kirche: Damals musste man sich den Sitzplatz im Gottesdienst erst mal ersteigern. In der heutigen Generation stößt solches wohl auf Unverständnis. Das war aber keine Felsberger Eigenart, das gab es auch andernorts. Und heutige „Scheinwerfer-Sonntage“, die es in manchen Pfarreien gibt, um einmal im Monat Scheine statt Münzen im Klingelbeutel zu haben, sind ja nichts anderes.


Zur Beerdigung von Tante Dora trug Fredi Christiany, Nachbar auf der gegenüberliegenden Straßenseite, die Trauerkerze ans Grab. Immer wenn ich ihn sehe, muss ich daran denken, dass ich von Kameraden oft gehänselt, hin und wieder auch mal gequält worden bin. Ich war der „Hase“. Einmal hab ich mich aber dann doch heftig zur Wehr gesetzt und Fredi die Brille auf der Nase zerschlagen.
Das führt mich wieder zurück zur Tante Dora, die mir neben meinen Eltern damals eindringlich erklärte, wie gut es sei sich zu wehren, dass dies aber nicht schwerwiegende, nicht mehr gut zu machende Folgen haben dürfe.

Einmal hab auch ich eine Trauerkerze an ein Grab getragen:
Bertold Tilmont, mein Alterskamerad und damals auch mein bester Freund, kam 1966 ums Leben, weil er nach einem Fußballspiel in einem Auto saß, dessen Fahrer die Gewalt übers Fahrzeug verloren haben musste. Mich ereilte die Todesnachricht am Redaktionsschreibtisch in Saarlouis. Es war für mich dann sehr schwer, die Montagszeitung an diesem Abend noch fertig zu stellen. Mein Alterskamerad Klaus Klein hatte auch im Auto gesessen und war mit wenigen Kratzern davon gekommen. Damals hatte er Glück, später raffte der Krebstod ihn dahin. So wie seinen hab ich auch den plötzlichen Tod von Josef Poncelet, einem anderen Alterskamerad, in der Ferne nicht mitbekommen.
Um beim Thema zu bleiben: In Erinnerung ist mir, wie bei Todesfällen die Nachbarschaft sich im Sterbehaus zum Rosenkranz im Aufbahrungszimmer versammelte. Und an den Totenwagen, der im Feuerwehrhaus stand, kann ich mich auch noch erinnern. Adolf Hoens Pferd wurde davor gespannt. Aber oft haben Nachbarn, Freunde, Kollegen, die eigenen Verwandten einen Toten auf den Friedhof getragen.

Josef Poncelets Erwähnung ruft in mir andere Erinnerungen an die Fünfziger hervor. Als Kommunionkind gehörte es zu meinen herausragenden Erlebnissen, wie viele Leute sich an Fronleichnam daran beteiligten, die Blütenköpfchen zu zupfen, damit die bunten Blumenteppiche vor den Altären gelegt werden konnten. Wir wohnten damals zwar noch in Unterfelsberg, aber ich half Josef, und neben ihm wohnte ja auch mein Alterskamerad Matthias Müller, der Familie Poncelet und den Nachbarn bei der Arbeit für den Altar vor Michels Haus. Damals war das alles wirklich etwas Besonderes, von Alfons Fournier weiß ich, wie gering heute das Interesse an den Heiligenfiguren von damals ist.
Nebenbei fällt mir gerade im Oktober natürlich auch das damalige Erntedankfest ein, das Binden des Erntekranzes aus eigens dafür aufgehobenen Garben, der Erntedankaltar, das Herrichten in der Kirche und schon die Auswahl der Gaben davor. Die damaligen zahlreicheren Flurprozessionen und vieles andere kommt mir ins Gedächtnis.

Zurück zu Bertold. Er war dabei, als zwei meiner Mittelschul-Klassenkameraden und wir zum Zelten nach Perl fuhren. Die beabsichtigte Woche mussten wir verlängern, weil damals der Kinderlähmungs-Epedemie wegen einige Tage lang nicht mehr von Landkreis zu Landkreis gewechselt werden durfte. Das war dann auch genau zu dem Zeitpunkt, da in den Nachrichten vom Mauerbau in Berlin die Rede war und wir Jugendlichen plötzlich unbestimmte Kriegsängste bekamen.

Ein Jahr später, 1962, hatten wir Sigrid, meine Schwester, damals gerade acht, durch einen Autounfall in Oberfelsberg verloren.
Das fiel in den Zeitraum, als das schwere Grubenunglück in Luisenthal passierte, dem auch neun Felsberger Bergleute zum Opfer fielen.

Tante Dora hatte mir später jedes Mal ein kleines Stück weiter geholfen, in solch ohnmächtigen Momenten zu reifen. Der Krebstod von Ursula Jochum, der Mutter ihres Patenkindes, ließ mich in Kindertagen über einen „ungerechten“ Gott stolpern ebenso wie später der frühe Tod der Frau von Valentin Gladel. Krebstod, der mir seitdem so oft begegnete, machte mich in Jugendjahren auch ganz arg betroffen, als ich hilflos erfuhr, dass für Lena Gehl keine Hoffnung bestand, ihm zu entkommen. Ihr hab ich oft geholfen, am Ende eines Markttages in Saarlouis ihr Korbwägelchen (Drickwänchen) wieder auf die Stai zu schieben, wenn ich aus der Schule nach Hause radelte. Ein Schälchen frischer Erdbeeren oder anderes Obst war gelegentlich ein herzlicher Dank dafür

Beim Namen Jochum kommt mir in Erinnerung, dass ich davon hörte, dass Tante Dora im Kindergarten, als dieser von der „Tante Anneliese“ im Saal des Gasthauses Jochum im „Großhaus“ geführt wurde, ausgeholfen hatte. Durch Tante Dora hatte ich ein nettes Verhältnis zu Jochums gefunden. Ich erinnere mich an eine längere Diskussion mit ihr und dem Vater der Nachbarskinder, als Pfarrer Hein mal wieder von der Kanzel verlesen hatte, welche Zeitschriften ein Katholik lesen und welche nicht lesen dürfe.

Ins Gedächtnis zurückgerufen wird nebenbei ein einstiger Hinweis von Doras Schwester darauf, dass in der Alten Schule (bislang ja noch das Gemeindehaus hier) die Buben unterrichtet wurden, während die Mädchen seinerzeit die einklassige Schule am Schmid Hiwwel (hinter Lehrer Gehls Garten) besuchten, bis in den Dreißigern die neue Schule gebaut wurde, wofür der damalige Bürgermeister eine Parzelle gestiftet hat. Als wir Anfang der Fünfziger ins Dorf kamen, war in dieser Schule auch noch das Gemeindebad. Da ist man samstags hingegangen. Und da waren auch die Duschen für die Fußballer, weil es auf dem Sportplatz damals keine so ausgestattete Umkleidemöglichkeit gab.


Zu den Erinnerungen aus Kindertagen gehört schließlich noch, dass ich damals ein Mandolinenkonzert im Freien in der Wies hinterm Regler besonders schön fand. Da waren außerdem die Bergmannsfeste mit vielen Gastvereinen und mit feierlichem Kirchgang. Da waren die Theaterabende der Katholischen Jugend beim Regler.
Beim „Blättern“ in den Erinnerungen wundert mich, dass der Senderbau irgendwo außerhalb meiner Welt stattgefunden haben muss. Auch der Einsturz des Daches der Sendehalle passierte außerhalb meiner Erlebniswelt. Dafür konnten wir anfangs noch in die Stollen in der Rosch’ klettern oder später zum Kässchmieressen auf den Limberg laufen.

Themenwechsel: Tante Doras Erdbeeren gehören zu den positiven Erinnerungen, wenn mir bei diesem Thema wieder der große Vorplatz vor Gladels Haus in den Sinn kommt, wo ein Hinweisschild stand „Frische Erdbeeren zu verkaufen“. Es waren oft mehrere Körbchen gepflückt, die ein Händler abholte. Sie hatte ein großes Feld mit besonders leckeren Erdbeeren, die erst sehr spät geerntet wurden, also während der Schulferien. Ich hab ein- oder zweimal geholfen (na ja, das klingt nach mehr als es wirklich war) und wusste dann, welch schwere Arbeit dieses Erdbeerpflücken sein kann, wenn ein ganzer Acker in den frühen Morgenstunden abgeerntet werden muss.

Wenn ich an die Arbeit auf dem Feld denke, die ich über einige Jahre hinweg zwischen Rüben hacken und Kartoffelfeuerchen umfangreich miterleben durfte, auch die Obsternten dank Kirschens Alfons’ Großzügigkeit bezüglich der Bäume im Stück neben uns, dann kommt mir auch noch in Erinnerung, wie ich als Bub damals es nicht fassen konnte, als ich erstmals hörte, dass Tante Doras Bruder Josef auf dem Feld erschossen wurde, obgleich der Krieg zu Ende war. Er war gerade aus Kriegsgefangenschaft heimgekommen. Ein französischer Soldat wollte ihm auf dem Acker Totenkopf die beiden Pferde wegnehmen. Bei einer vermutlichen Handgreiflichkeit hat er ihn dann erschossen, Josef Gladel starb aber erst nach vielen Stunden, so dass er noch von der Tat berichten konnte, als man ihn fand. Ich habe später das unverständliche folgenschwere Geschehen kaum begreifen können, als ich davon hörte. Als kleiner Junge machte ich mir furchtbare Vorstellungen vom Mann mit dem Gewehr, weshalb mir dann die Kaugummis erst mal nicht schmeckten, die uns durchs Dorf fahrende Soldaten, die Flinten zwischen den Knien, ab und an vom Armeelaster herunter reichten. ( e h n )