Unter einem Dach in Paris

Eine Geschichte zu einem anderen Foto von Michael Wolff

Das Bild, von dem ich weiß, dass es von dem mir befreundeten Fotografen vor einigen Jahren schon in Paris aufgenommen wurde, hat für mich etwas Besonderes, aber ich kann das Besondere vorerst nur schwer beschreiben.

Der Mann im Fenster lässt mich vermuten, dass er da oben unterm Dach wohnt. Vielleicht in einem einzigen Mansardenzimmer mit niedriger Decke. Solche Mansardenwohnungen im Herzen von Paris sind ja nicht billig.

Der Mann scheint den Fotografen bemerkt zu haben.

Mir ist nicht bekannt, zu welcher Tageszeit das Foto entstand. Der kaum bewölkte Himmel lässt mich aber mutmaßen, dass es mitten an einem sonnigen Tag war.

Ich mache mir Gedanken, was den Fotografen zu der Aufnahme reizte. Ich versuche mich in den Mann am Fenster zu versetzen. Hat er nur zufällig hinaus geschaut oder hat er den Mann mit der Kamera beobachtet und sich gefragt, was der da macht?

Ob der Mann etwas gemein hat mit dem, was Spitzweg in seinem „Armen Poeten“ zum Ausdruck bringen wollte? Ob der Fotograf ebenso wie ich mit einem leisen Anflug von Sympathie an das Bild des Romantikers dachte?

Es fällt mir nicht leicht, mich vom ersten Gedanken wieder zu lösen. Ich erinnere mich sofort auch an die poetisch erzählte Geschichte im Film „Unter den Dächern von Paris“ aus dem Jahr 1929. Die Geschichte aus René Clairs erstem Tonfilm, der im Ausland gleich hochgelobt wurde, in Frankreich wohl erst danach den gebührenden Erfolg hatte, würde auch gut zu diesem Foto passen bzw. das Foto zu der Geschichte im Film.

Bei meiner Gedankenwanderung in die Vergangenheit schweife ich auf dem mühsamen Weg zurück zu dem aktuellen Motiv des Fotografen kurz ab zu dem hinteren Fenster, hinter dem möglicherweise jemand anderes lebt. Jemand wie der Mann auf dem Foto? Jemand, mit dem er befreundet ist? Oder jemand, dem er lieber aus dem Weg geht? Der Mann am offenen Fenster nimmt mich aber sofort wieder gefangen. Ein armer Schlucker? Ein Künstler? Ein Überlebenskünstler? Ein vergeistigter Mensch? Ein Schriftsteller? Ein Arbeiter? Ein Nachtarbeiter? Oder gar ein Arbeitsloser?

Ich entscheide mich für einen Überlebenskünstler. Einen, der dem Objektiv des Fotografen nicht ausweicht. Einen, für den der Tag in den Nachmittagsstunden beginnt. Einen, dem die Enge seiner Dachkammer wenig ausmacht. Einen, der die Ruhe über dem Trubel in den Straßen gesucht und gefunden hat. Einen, der mehr besitzt als er hat und deshalb nicht unglücklich ist. Einen, der gehofft hat, einer von den anderen zu werden, und etwas ganz anderes geworden ist.

Der Fotograf hat mir sein Bild ohne nähere Ortsbeschreibung zugesandt. So schicke ich meine Phantasien durch die Pariser Quartiers spazieren. Wo war mein Überlebenskünstlerzu Hause? Ich lasse ihn ohne längeres Nachdenken einfach auf Montmartre leben. Der Mann heißt für mich Lucas Leclercqe. Ich mache ihn zu einem arbeitslosen Orchestermusiker, der sich seinen Lebensunterhalt auf der Straße verdienen muss. Wenn er nicht draußen ist, schreibt er auf lose Blätter Gedichte und träumt davon, eines Tages nicht nur einfach einen Roman, sondern wenn schon dann doch einen Bestseller zu schreiben. Als Musiker ist sein Ehrgeiz auf die Zufriedenheit mit fast Nichts geschrumpft.

Gestern hat er, so mein Handlungsfaden, vor dem „Maison Rose“ gespielt. Da, wo einmal Picasso wohnte. Nicht nur deshalb kommen die Touristen hier her. Die Küche wird in vielen Fremdenführern als preiswert und gut gelobt. Der Tag, besser die paar Stunden, die er dort war, haben Lucas beinahe einen Hut voll Euro-Münzen eingebracht, mehr als er sonst an einem Nachmittag einnimmt.

Da waren am Abend zwei Flaschen Rotwein kein Luxus, wenn man einmal alle Widrigkeiten außer Acht lässt. Die Folge ist gewesen, dass Lucas am Vormittag nicht aus den Federn wollte. Jetzt ist schon Zwei vorbei. Der Musiker hat eben aus dem Fenster geschaut, weil er sich entscheiden muss, ob er heute wieder auf die Straße geht oder ob er zum Schreiben zu Hause bleibt. Die Entscheidung fällt ihm bei dem schönen Wetter schwer.

Der Fotograf am Fenster im Haus gegenüber lenkt ihn ab. Was hat er mit dem zu schaffen? Oder der mit ihm? Warum fotografiert der ihn? Denn das tut der doch, oder etwa nicht? Während Lucas auf seine Fragen keine Antworten weiß, stellt er nebenbei fest, dass die Luft da draußen trotz der Sonne am Himmel gerade mal wieder nicht die beste ist. Er möchte das so und wird deshalb sein Fenster gleich schließen. Doch zuerst muss er sehen, was der Fotograf da drüben macht.

Als der sich zurückzieht, geht auch Lucas vom Fenster weg. Zum Schreiben ist ihm jetzt überhaupt nicht zumute. Er wird sich einen Kaffee aufbrühen. Und anders als gerade eben entschieden dann doch sein Instrument nehmen: nein nicht die Trompete heute, lieber das Akkordeon. Mit der Trompete ist er an vielen Stellen außerhalb des Montmartre nicht gerne gesehen. Für die meisten Touristen ist das Akkordeon ohnehin französischer.

© Edgar Helmut Neumann, März 2014