Ein literarischer Tagebuch-Ansatz

Mein Lieblingsplatz:

Eine Ecke auf der Teufelsburg

Als ich 1953 mit meinen Eltern nach Felsberg kam, war ich ABC-Schütze. Ich kam aus der Stadt und musste mir das Dorf erst erobern. Zunächst blieb mir die Burgruine unbekannt. Dem Berg da oben - wir wohnten damals unten - näherte ich mich nur zaghaft, erst einmal am Hang unten ohne jegliche Kenntnis dessen, was es da oben Geschichtliches gab. Die für ein Kind urwaldähnliche Natur fesselte mich, denn da war ja alles ganz anders, als es der Bub aus der Stadt kannte. Dann war einige Zeit später zum einen das Farnkraut für die Fronleichnamsaltäre zu holen, da lockten die "Koven"-Nester in der Rosch, da war der Wandertag in der Schule, da wurde von den Schulkameraden von Höhlen in den Felsen erzählt. Erst einige Jahre später drang ich wirklich bis zur Burgspitze vor, und das schien mir sofort sehr abenteuerlich, obgleich ich damals von der Ruine ja kaum etwas ahnte. Es folgten alsbald die ersten wirklich spannenden Jugendgruppenerlebnisse mit Räuber- und Gendarm-Spielen und Schnitzeljagden. Da entwickelten sich manche Phantasien. Das machte auch mutig. Ich wanderte nun öfter allein an die Spitze des Schlossberges, saß da auf der noch zugesandeten und begrünten Ruinenkuppe und schaute ins Tal, sofern die vielen Bäume das zuließen. Hinunter ins Tal, wo meine Urgroßeltern lebten, bei denen ich über einige Jahre hinweg aufgewachsen war. Hinüber nach Dillingen, wo ich bald zur Schule gehen sollte. Im Dorf war ich immer noch ein Fremder, hier auf der Burgspitze plötzlich nicht. Hier sorgte irgendetwas für mein Geheischnis ohne dass ich wusste, was das sein könnte. Es kam schließlich die Zeit, da man sich um Heimatsagen kümmern musste. Die Neugier wuchs. Aber ich bekam keine Vorstellung von der Welt der Ritter, die blieb mir wirklich fremd. Aber ich malte mir früh eine Begegnung mit dem Teufel aus. Da unten vor meinen Augen lag die Stadt, die mir nicht fremd war. Da hatte ich aber nie sehen können, wie sich im Frühjahr Farn aufrollt. Da unten gab es für mich keine Gelegenheit, ein Reh zu sehen so wie gelegentlich hier oben. Da unten streifte kein Fuchs durch das Gras. Da gab es höchstens manche Ratte in der Straßenrinne. Da unten rief kein Kuckuck, den ich ja so gerne mal zu Gesicht bekommen hätte. Die Stadt und die Erinnerungen daran verloren vorübergehend ihren Reiz. Denn hier auf der Burgspitze entdeckte ich die Welt und die Träume, die sie uns beschert. Hier auf einem der Mauerreste habe ich als Elf- oder Zwölfjähriger es gewagt, zum ersten Mal einem Mädchen einen vielleicht schon unkeuschen Kuss auf die Lippen zu drücken. Er wurde gebeichtet und war schnell vergessen. In heute etwas verklärter Erinnerung geblieben sind mir aber viele Spaziergänge zur Burgspitze, die ich als Jugendlicher zusammen mit einer jungen Französin unternommen habe, mit der ich viele unrealistische Träume strickte.Teufelsburg

Mein Lieblingsplatz wurde die Teufelsburg aber tatsächlich, als ich ins Berufsleben trat, damals, als Alois Hofmann die ersten Ausgrabungen durch eine Gruppe des Internationalen Bauordens organisiert hatte. Es war für mich als Volontär in der Zeitungsredaktion natürlich von ganz besonderem Interesse, den jungen Leuten aus aller Herren Länder zu begegnen. Das Interesse wuchs natürlich auch an dem, was da zutage gefördert wurde, wie es seitens des Denkmalamtes gewertet wurde, oder auch nicht.mer Die Burgruine wurde nun für mich der Ort, wo ich eine Zeit lang meinen Alltagsstress abbauen konnte. Dann war ich rund 35 Jahre weg, kam immer nur zu Besuch. Aber jedes Mal gehörte ein Gang an die Burgspitze dazu. Etwas, was mir inzwischen, wieder daheim, beinahe schon zur Selbstverständlichkeit wurde. Hier entstanden Ideen für Bilder, die ich gemalt habe. Hier kommen dem "Staia Dorfschreiwer" immer wieder Gedanken für Gedichte und andere Texte. An dieser Stelle hab ich Kraft geschöpft, als ich vor rund fünfzehn Jahren fast verzweifelte, weil mir schnelle Erblindung prognostiziert wurde. Zwar hat sich seitdem mein allgemeiner Gesundheitszustand um einiges verschlechtert, aber mein Augenlicht hab ich behalten dürfen. Hätte ich damals hier auf der Ruine mit dem wunderbaren Lichtermeer vor Augen nicht innerlich den Kampf angetreten, überraschenderweise, ich weiß nicht, ob es mich heute noch gäbe. Beim gesundheitlich bedingten "Absturz", der mich geknebelt zu Boden zwang, bin ich nicht ganz in die Tiefe gerissen worden. Es war eine Sekunden-Entscheidung über Leben und Tod, die mir heute noch manch Rätsel aufgibt. Da greift einer nach deiner Seele und lächelt dich ermutigend an statt sie dir zu rauben. Es ist übrigens etwas ganz Besonderes, auf dem Weg durch die "Rosch" und hier auf der Burgspitze ganz bewusst die vier Jahreszeiten zu erleben. Das schafft Heimatgefühle, die man im Leben nicht immer spürt. Heute macht der Dorfschreiber, der sich in der Nähe der Teufelsburg gerne auch diabolisch gibt, es aber nur noch selten wirklich ist, über die Burg-Geschichte viele Gedanken. Mal sehen, was sich da entwickeln kann. Bestimmt noch manches Gedicht. Texte zu Bildern, die noch nicht gemalt sind. Auf dem Tisch liegt aber auch ein Märchen, das schon seit Jahren nach passender Überarbeitung schreit. Vielleicht kommt danach ganz schnell noch ein Krimi dazu, der aber nicht in der Vergangenheit angesiedelt sein soll. Mal sehen, wie viel Geheischnis sich entwickeln lässt. Wenn nicht alles ganz anders kommt, als man es sich so ausdenkt… (übrigens sind im Museum auf der Teufelsburg bei der Fördergemeinschaft jetzt neue Postkarten zu erwerben, wobei auch ein Motiv von der beleuchteten Burg zu sehen ist. Und wer hätte jemals daran denken wollen, dass es einmal eine Luftaufnahme des Ruinengeländes gibt?)

baumDa gibt es noch etwas, was fast schon zu einem Mythos für mich wurde - mein zweiter Lieblingsplatz im Dorf: Mein Baum, die alte Linde im Kirchenweg an der Friedhofsmauer, soll weit über 200 Jahre alt sein. Man nimmt an, dass sie beim Bau der ehemaligen Kirche gepflanzt wurde, das wäre um 1765 herum gewesen. Im Schatten dieses Baumes habe ich viele Stunden zugebracht, als ich mit dem Fahrrad nach Dillingen zur Schule gefahren bin und auf dem Nachhauseweg hier auf der Bank eine kleine Rast einlegte. Diese Linde hatte schon für mich als Kind eine besondere Bedeutung. Der mächtige Baum hatte eine starke Anziehungskraft, warum auch immer. Ich hatte, ohne mir groß Gedanken darüber zu machen, dass das dem Baum vielleicht schadet, zusätzlich zu schon vorhandenen noch weitere Zimmermannsnägel eingeschlagen, damit ich in die Krone klettern konnte. Das war so etwas wie ein Versteck, aus dem heraus ich die Leute von oben herab sehen konnte. Oft saß ich in dem Baum in der mächtigen Astgabelung, um dort oben meine Eintragungen in mein schwarzes Notizbüchlein zu kritzeln, wenn mich mal wieder irgendwelche Gedanken dazu verleiteten. Da oben hab ich dem Baum immer wieder mein kindliches Leid geklagt. Er hat mir geduldig zugehört. Dass er nicht sprach, mir aber dennoch antwortete, das war für mich selbstverständlich. In den mehr als drei Jahrzehnten, die ich weg war, bin ich immer grüßend an der alten Linde vorbei heimgekommen. Nicht nur deshalb, weil in seinem Schattenkreis meine Schwester begraben liegt, die 1962 nach einem Autounfall starb. Lange Zeit war mir so als würde ihr Gesicht mir aus dem alten Baum entgegen strahlen. Als einst die Straße nach Kanalbaumaßnahmen erneuert werden sollte, sorgte ich mich sehr um den Baum, ist mir dunkel in Erinnerung. Es tat mir auch weh, als man ihm mit der Säge zu Leibe rückte, weil die Sicherheit der Leute das erforderlich machte. Ich hoffe, dass dieses Naturdenkmal uns noch lange erhalten bleibt. Als etwas, was inneren Halt bietet. Als ich 2004 vom Ortsrat beauftragter Dorfschreiber wurde, nachdem ich wieder im Ort lebte, hab ich mein erstes Mundartgedicht diesem Baum gewidmet. Denn die Linde an der Friedhofsmauer ist für mich nämlich auch Heimat, mein Lieblingsplatz ebenso wie die Teufelsburg. Auf der Burgspitze erlebe ich beim Blick ins Tal mächtige Freiheitsgedanken, hier am Baum verstärkt sich das Gefühl von Geborgenheit. Es ist etwas Besonderes, diesen Baum durch die Jahreszeiten hindurch zu betrachten, mit ihm zu reden, ihn anzufassen, seine Kraft zu spüren. Diese Mächtigkeit im Winter, diese Hoffnungen im Frühling, dieses blühende Einfach-da-Sein im Sommer, dieses Tröstliche im Herbst, wenn man die Knospen hinter den bald fallenden Blättern weiß. Ich glaube, dass meine Kreativität hier jedes Mal einen neuen Anstoß erfährt. Diesen Baum hab ich schon mehrfach gemalt. Noch stellt mich keines der Bilder zufrieden. Die Seele, die die Zeit nicht altern lässt, sie ist so schwer auf Papier zu bannen. Der Baum kommt in vielen meiner Texte vor. Die Linde ist mir mehr als nur Freund, auch wenn Alexandras Lied mir an dieser Stelle automatisch ins Ohr kommt. Die Linde an der Friedhofsmauer ist ja glücklicherweise nicht tot sondern sehr lebendig. Und diese Linde hat mich in jungen Jahren gelehrt, in Bäumen zu sehen, was nicht jeder darin erkennen mag. Bäume haben für mich nicht nur etwas Mystisches, sondern etwas von dem, was viel weiter zurück reicht als es uns Hominiden auf dieser Erde gibt. Glücklicherweise hat die Urmutter, wer immer sie sein mag, viele von uns gelehrt, die Frucht vom Baum der Erkenntnis nicht als ein böses Märchen zu betrachten. Die Linde an der Friedhofsmauer am Kirchenweg in Felsberg ist ein Baum, der mir viel Kraft geschenkt hat. Es gibt aber noch manch anderen Baum. Von einem im Sahel, der mir vor Jahren half, eine gravierende Entscheidung zu treffen, weiß ich leider, dass er nicht mehr steht, weil seine Äste als Brennholz herhalten mussten. Meine Linde hat mich über den Schmerz der quälenden Trauer hinweg getröstet. Die Nachricht vom Tod des uralten Ahnenbaumes hat mich dann aber wachgerüttelt, und ich wurde endlich derjenige, wer ich schon immer wirklich sein wollte. Ich gehe heute unbeirrt meinen Weg. Ob es richtig ist, was ich tue, weiß ich natürlich nicht, wenn ich darüber nachdenke, wie andere das sehen mögen. Aber das ist für mich auch nicht mehr wichtig…