Unsere fiktive Geschichte dazu

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Im August an einem Sonntag Morgen um 7 Uhr. Jean-Pierre hat sich mit der Zeitung in die Morgensonne gesetzt. Er liest als erstes den Sportteil. Das tut er sonntags immer. Während der Woche ist das anders, da interessiert ihn der Lokalteil eher. Der Maire will schließlich wissen, was geschehen ist, wenn man ihn darauf anspricht. Aber sonntags hat er persönlichen Ruhetag.
Seine Frau Marie-Claire, die wochentags stets vor ihm auf den Beinen ist, darf sich sonntags mit dem Aufstehen Zeit lassen. So ist das bei ihnen schon seit vielen Jahren, seit ihre Kinder sie allein gelassen haben . Früher war man gemeinsam in die Kirche gegangen, gemeinsam als Familie und auch gemeinsam mit den Nachbarn. Seit die Nachbarn fortgezogen sind, seit Tochter und Sohn aus dem Haus sind, seit sie beide beschlossen haben, sich geruhsam auf ihre alten Tage vorzubereiten, seitdem ist ihnen ihr ganz privater Sonntag heilig.
Jean-Pierre "regiert" die kleine Stadt schon viele Jahre. Und er denkt noch nicht darüber nach, was wäre, wenn dies einmal nicht mehr sein würde. Sonntag Morgen um 7 Uhr. Die Feriengäste oben im Haus werden heute wohl kaum so früh aufstehen wie all die Tage vorher. Gestern Abend hatten sie nach dem täglichen Boule-Spiel zum Grillen eingeladen. Jean- Pierre und Marie-Claire kennen die Deutschen, seit sie vor fast zwanzig Jahren gemeinsame Urlaubstage in Westafrika verbrachten, Rucksack- Urlaub auf den Pisten im Sahel.
Rainer und Karin kommen nicht alle Jahre, aber in doch mehr oder weniger regelmäßigen Abständen, vielleicht so alle drei bis vier Jahre. Und Jean-Pierre und Marie-Claire würden gerne viel öfter nach Augsburg fahren. Aber wie das so ist mit den vielen Verpflichtungen eines Maire, der lange darauf hoffte, auch Deputé-Maire zu werden. Die Hoffnung hat er noch nicht ganz begraben.
Jean-Pierres Gedanken sind während des Zeitungslesens weit abgeschweift. Und diese Gedanken haben ihn ein geschläfert. Er ist eingenickt. Unwahrscheinlich, dass er aufwacht, bevor seine Frau ihm den obligaten Sonntagsmorgen-Kaffee bringt. Glücklicherweise hat er diesmal keine Zigarre zwischen den Zähnen. Es ist auch schon eine Weile her, dass die Zeitung vor seinem Gesicht in Flammen aufging. Der Tisch, an dem er sitzt, musste damals eine neue Platte bekommen.
Jean-Pierre wird bald seinen Sonntagsmorgen-Kaffee bekommen, die Croissants dazu hat er vorhin in die Küche gebracht. Seine Frau wird sie ihm mit der kürzlich selbst gekochten Mirabellenmarmelade bestreichen. Jean-Pierre mag diese ganz besonders gerne. Er betont bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, dass Liebe zuerst durch den Magen geht… Worauf seine Frau oft entgegnet, wie unverdaulich sie eigentlich sei, die wahre Liebe, die kein Pardon kenne, weil sie all ihre Besitzansprüche bis aufs Letzte verteidige.
Jean-Pierre ist glücklich mit seiner Marie-Claire, sie meistens auch mit ihm. Dieser Platz im Hof ihres Gehöftes beweist es trotz der luftigen Schatten, die ganz leise über ihn hinweg wehen. (EHN im Januar 2012)